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Die schönsten Erzählungen der Bibel

 

 

 

Gliederung:

 

  1. Einführung

  2. Schöpfungsbericht

  3. Sündenfall

  4. Kain und Abel

  5. Noah im Rausch

  6. Abraham hadert mit Gott

  7. Isaaks Opferung

  8. Der Segen für Jakob, dem Jüngeren

  9. Josef und seine Brüder

10. David gegen Goliath

11. David und die Frau des Hethiters

12. Esthers Rettung der Juden

13. Josef in Ägypten

14. Moses vor dem Pharao

15. Samson und Delila

16. Die Verleugnung Petrus

17. Der Verrat Judas

18. Der barmherzige Samariter

19. Die Hochzeit zu Kanaan

20. Die Tempelreinigung

21. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn

22. Jesus und die Ehebrecherin

23. Jesus am Ölberg

24. Der ungläubige Thomas

 

 

 

Kapitel 8: Der Segen für Jakob, den Jüngeren

 

 

 

Gliederung:

 

1. Das Problem

2. Der Text

3. Interpretation

4. Die Bedeutung Erstgeborenenrechts und des Segens

 

 

 

1. Das Problem

 

In dieser Erzählung wird berichtet, wie Jakob seinen Bruder Esau um den väterlichen Segen betrog. Esau und Jakob waren die Söhne Isaaks und Rebekkas, sie waren als Zwillinge geboren, wobei Esau als erster das Licht der Welt erblickt hatte.

 

Eigentlich hat dieser Bericht eine Vorgeschichte. Es war nämlich nicht das erste Mal, dass Jakob seinen älteren Bruder betrogen hatte, der Erzählung über die Erschleichung des väterlichen Segens ging nämlich eine Episode voraus, in der Jakob dem Esau das Erstgeburtsrecht abgehandelt hatte. Beide Erzählungen, die Erzählung über das Erstgeburtsrecht wie auch über den väterlichen Segen bilden eine Einheit und berichten im Grunde über das gleiche oder zumindest eng miteinander zusammenhängende Problem.

 

Also wird es in dieser Erzählung auch im Wesentlichen darum gehen, welche Bedeutung denn dem Erstgeburtsrecht und dem väterlichen Segen im Alten Testament zukommt.

 

Das Erstgeburtsrecht spielt zunächst einmal im Rahmen der weltlich ausgerichteten Erbgesetzgebung eine entscheidende Rolle. Im Allgemeinen kennen wir zwei unterschiedliche Prinzipien der Vererbung: In dem einen Fall erbt der erstgeborene Nachfahre das elterliche Gesamtvermögen – man spricht hier vom germanischen Recht –, im anderen Falle wird das Gesamtvermögen der Eltern möglichst gleichmäßig auf alle Kinder aufgeteilt. Es ist das Erbrecht, das vor allem im römischen Staat des Altertums Anwendung fand.

 

In diesen beiden Prinzipien, wonach das elterliche Vermögen aufzuteilen ist, spiegelt sich ein grundlegender Konflikt zwischen zwei Rechtsprinzipien wider: Auf der einen Seite gelten alle Menschen als gleich und deshalb sollten vor allem die Kinder bei der Vererbung möglichst gleich gestellt werden. Es gibt aus der Sicht einer gerechten Regelung keinen Grund, weshalb der Erstgeborene bevorzugt werden sollte.

 

Auf der anderen Seite geht es aber bei der Vererbung des elterlichen Vermögens auch darum, sicherzustellen, dass die mit dem elterlichen Vermögen verbundenen Einrichtungen – wie zur Zeit der Patriarchen vor allem der väterliche Hof – erhalten bleiben und hierzu kam es vor allem darauf an, das Vermögen möglichst zusammenzuhalten und nicht in kleine, nicht mehr funktionsfähige Einheiten aufzuspalten.

 

Die zu Zeiten Isaaks geltenden Erbregeln verfolgten offensichtlich in erster Linie das Ziel, den väterlichen Betrieb funktionsfähig zu halten und sahen deshalb vor, dass das Gesamtvermögen dem Erstgeborenen zugesprochen wird, während die Regeln des alten Roms eher nach einer gerechten Erbregelung Ausschau hielten und gerade aus diesen Gründen ein Aufteilung des Vermögens vorsahen.

 

Damit aber diese Ziele erreicht werden können, bedarf es weiterer Voraussetzungen. Das Ziel, den elterlichen Betrieb möglichst effizient weiter führen zu können, setzt nämlich voraus, dass der Erstgeborene auch jeweils die Fähigkeit besitzt, diese Aufgabe sachgerecht zu erfüllen. Man wird nun kaum unterstellen können, dass jeweils der Erstgeborene diese Voraussetzungen am besten erfüllt. Vielmehr kann man vermuten, dass diese Fähigkeiten sehr unterschiedlich auf die Kinder verteilt sind, sodass der Forderung, dass jeweils der Fähigste diese Aufgabe übernehmen sollte, bei dieser Regelung wohl kaum entsprochen werden kann.

 

Allerdings galt bis zur Neuzeit die Überzeugung, wem Gott ein Amt übertragen habe, dem gebe er auch den Verstand hierzu. Dahinter steht die Vorstellung, dass die Ausübung eines Amtes eigentlich keine besonderen Fähigkeiten verlange, dass nur die moralische Integrität gesichert sein müsse und hier wurde stillschweigend unterstellt, dass in aller Regel alle Nachkommen in etwa die gleiche Moral aufweisen, sodass es von diesem Standpunkt aus gleichgültig ist, wer von den Kindern beim Tod der Eltern die Nachfolge antritt. Es wurde somit nicht die Gefahr gesehen, dass der Erstgeborene diese Aufgabe weniger effizient als seine Geschwister erfüllen könne.

 

Wenn im alten Rom die Gefahr der Zersplitterung der Vermögen nicht gesehen wurde, so lag dies vermutlich daran, dass die wenigen wirklich reichen Familien ein so großes Vermögen besaßen, sodass auch bei Aufteilung der Vermögen im Erbfalle trotzdem noch hinreichend große Vermögenseinheiten übrig blieben. Vor allem aber konnte man davon ausgehen, dass die adligen Familien im Zusammenhang mit der Eroberung und Verwaltung des gesamten römischen Weltreiches sich immer wieder so stark bereichern konnten, sodass auch bei einer erbbedingten Aufteilung der Gesamtvermögen immer wieder ausreichend große Vermögenseinheiten entstanden.

 

Wenn auch diese Funktionen einer Vererbung im Zeitalter des Patriarchalismus auch in Israel eine wesentliche Rolle gespielt haben dürften, die Erstgeborenen spielen im Alten Testament – wie wir weiter unten noch zeigen werden – eine hiervon unterschiedene und ganz besondere Rolle: Die Erstgeborenen waren Gott geweiht und nur so ist es auch zu verstehen, dass Paulus in seinem Hebräerbrief das Verhalten Esaus bei dem Verschenken des Erstgeburtsrechtes als gottlos brandmarkt. 

 

Und gerade in diesem Zusammenhang spielt auch der väterliche Segen – das zweite Thema dieser Erzählung – eine entscheidende Rolle. Wer einen anderen Menschen segnet, wünscht diesem ein Wohlergehen und das Vermeiden von Schicksalsschlägen. Segnungen finden in der Heiligen Schrift sowohl im Alten wie auch im Neuen Testament wiederholt statt, sie sind dort auch nicht auf einen einzelnen Nachkommen beschränkt, Jesus hatte wiederholt den Segen für alle Zuhörer ausgesprochen und die katholische Messe endet damit, dass der Segen über alle Anwesenden gesprochen wird. Schließlich spricht der Papst in seinen Weihnachts- uns Osteraussprachen den Segen ex urbi et orbi (für Rom und die gesamte katholische Christenheit) aus.

 

Auch hier kommt offensichtlich dem väterlichen Segen, um den zunächst Jakob und dann Esau bitten, eine ganz andere und besondere Bedeutung zu. Ansonsten wäre es vollkommen unverständlich, weshalb Isaak sich weigert, auch Esau den erbetenen Segen zu erteilen. Vor allem deshalb, weil diese Verweigerung für Esau verheerende Folgen nach sich zieht – er muss sich Jakob, der als einziger den väterlichen Segen erhalten hatte, unterordnen und ihm als Knecht dienen, falls er im Vaterhause verbleiben möchte –, ist diese Verweigerung Isaaks Esau gegenüber zunächst äußerst unverständlich.

 

Verständlich wird diese Verweigerung erst dadurch, dass mit dem väterlichen Segen zugleich der Bund, den Jahwe zunächst mit Abraham geschlossen hatte, zunächst auf Isaak und nicht auf Ismael und nun auf Jakob und nicht auf Esau übergeben wurde. Es ging also bei dem väterlichen Segen des Isaak nicht darum, seinen Kindern alles Gute zu wünschen, sondern zur Diskussion stand die Frage, wer von den Söhnen den Bund mit Gott weiterführen sollte und so zum Stammvater einer großen Bevölkerung werden sollte. Für diese Aufgabe konnte in der Tat nur einer der Söhne (Geschwister) vorgesehen werden.

 

Allerdings handelt diese Geschichte neben der Rolle des Erstgeburtsrechtes und des väterlichen Segens auch von den Eigenschaften dieser beiden Söhne Isaaks, der Listigkeit des Jakobs und der Leichtfertigkeit des Esaus. So warnt Paulus in seinem Hebräerbrief in Kapitel 12 vor der Leichtfertigkeit des Esaus:

 

14 ‚Strebt voll Eifer nach Frieden mit allen und nach der Heiligung, ohne die keiner den Herrn sehen wird.

15  Seht zu, dass niemand die Gnade Gottes verscherzt, dass keine bittere Wurzel wächst und Schaden stiftet und durch sie alle vergiftet werden,

16  dass keiner unzüchtig ist oder gottlos wie Esau, der für eine einzige Mahlzeit sein Erstgeburtsrecht verkaufte. 

17  Ihr wisst auch, dass er verworfen wurde, als er später den Segen erben wollte; denn er fand keinen Weg zur Umkehr, obgleich er unter Tränen danach suchte.‘

 

Paulus nennt also Esau unzüchtig und gottlos und zwar deswegen, weil er sein Erstgeburtsrecht gegen ein Linsengericht eingetauscht hatte und vermeint sogar, dass Esau nicht mehr die von allen Sündern geforderte Umkehr erreicht hatte, obwohl er sehr wohl darum gerungen hatte, Vergebung und damit den väterlichen Segen zu erhalten.

 

Esau hingegen nennt seinen Bruder eben wegen dieser beiden Taten (Erschleichung des Erstgeburtsrechts und des väterlichen Segens) einen Betrüger, der ihn gleich zweimal betrogen hatte und weinerlich und fast anklagend fragt er seinen Vater, warum er denn für ihn keinen Segen aufgehoben hatte. In Kapitel 27 der Genesis heißt es:

 

36 ‚Da sagte Esau: Hat man ihn nicht Jakob (Betrüger) genannt? Er hat mich jetzt schon zweimal betrogen: Mein Erstgeburtsrecht hat er mir genommen, jetzt nimmt er mir auch noch den Segen. Dann sagte er: Hast du mir keinen Segen aufgehoben? …

 

38 Da sagte Esau zu seinem Vater: Hattest du denn nur einen einzigen Segen, Vater? Segne auch mich, Vater! Und Esau begann laut zu weinen.‘

 

Und etwas später erfahren wir von den Rachegefühlen Esaus seinem Bruder gegenüber:

 

41 ‚Esau war dem Jakob Feind wegen des Segens, mit dem ihn sein Vater gesegnet hatte, und Esau sagte: Es nähern sich die Tage der Trauer um meinen Vater; dann werde ich meinen Bruder Jakob umbringen.‘

 

 

2. Der Text

 

Befassen wir uns wiederum zunächst mit der Textstelle dieser Erzählung. Im Buch Genesis Kapitel 27 heißt es:

 

1  ‚Als Isaak alt geworden und seine Augen erloschen waren, sodass er nicht mehr sehen konnte, rief er seinen älteren Sohn Esau und sagte zu ihm: Mein Sohn! Er antwortete: Hier bin ich.

2  Da sagte Isaak: Du siehst, ich bin alt geworden. Ich weiß nicht, wann ich sterbe.

3  Nimm jetzt dein Jagdgerät, deinen Köcher und deinen Bogen, geh aufs Feld und jag mir ein Wild!

4  Bereite mir dann ein leckeres Mahl, wie ich es gern mag, und bring es mir zum Essen, damit ich dich segne, bevor ich sterbe.

 

5  Rebekka hatte das Gespräch zwischen Isaak und seinem Sohn Esau mit angehört. Als Esau zur Jagd aufs Feld gegangen war, um ein Wild herbeizuschaffen,

6  sagte Rebekka zu ihrem Sohn Jakob: Ich habe gehört, wie dein Vater zu deinem Bruder Esau gesagt hat:

7  Hol mir ein Wild und bereite mir ein leckeres Mahl zum Essen; dann will ich dich vor dem Herrn segnen, bevor ich sterbe.

8  Nun hör genau zu, mein Sohn, was ich dir auftrage:

9  Geh zur Herde und bring mir von dort zwei schöne Ziegenböckchen! Ich will damit ein leckeres Mahl für deinen Vater zubereiten, wie er es gern mag.

10  Du bringst es dann deinem Vater zum Essen, damit er dich vor seinem Tod segnet.

 

11  Jakob antwortete seiner Mutter Rebekka: Mein Bruder Esau ist aber behaart und ich habe eine glatte Haut.

12  Vielleicht betastet mich mein Vater; dann könnte er meinen, ich hielte ihn zum Besten, und ich brächte Fluch über mich statt Segen.

13  Seine Mutter entgegnete: Dein Fluch komme auf mich, mein Sohn. Hör auf mich, geh und hol mir die Böckchen!

14  Da ging er hin, holte sie und brachte sie seiner Mutter. Sie bereitete ein leckeres Mahl zu, wie es sein Vater gern mochte.

 

15  Dann holte Rebekka die Feiertagskleider ihres älteren Sohnes Esau, die sie bei sich im Haus hatte, und zog sie ihrem jüngeren Sohn Jakob an.

16  Die Felle der Ziegenböckchen legte sie um seine Hände und um seinen glatten Hals.

17  Dann übergab sie das leckere Essen und das Brot, das sie zubereitet hatte, ihrem Sohn Jakob.

 

18  Er ging zu seinem Vater hinein und sagte: Mein Vater! Ja, antwortete er, wer bist du, mein Sohn?

19  Jakob entgegnete seinem Vater: Ich bin Esau, dein Erstgeborener. Ich habe getan, wie du mir gesagt hast. Setz dich auf, iss von meinem Wildbret und dann segne mich!

20  Da sagte Isaak zu seinem Sohn: Wie hast du nur so schnell etwas finden können, mein Sohn? Er antwortete: Der Herr, dein Gott, hat es mir entgegenlaufen lassen.

21  Da sagte Isaak zu Jakob: Komm näher heran! Ich will dich betasten, mein Sohn, ob du wirklich mein Sohn Esau bist oder nicht.

22  Jakob trat zu seinem Vater Isaak hin. Isaak betastete ihn und sagte: Die Stimme ist zwar Jakobs Stimme, die Hände aber sind Esaus Hände.

23  Er erkannte ihn nicht, denn Jakobs Hände waren behaart wie die seines Bruders Esau, und so segnete er ihn.

24  Er fragte: Bist du es, mein Sohn Esau? Ja, entgegnete er.

25  Da sagte Isaak: Bring es mir! Ich will von dem Wildbret meines Sohnes essen und dich dann segnen. Jakob brachte es ihm und Isaak aß. Dann reichte er ihm auch Wein und Isaak trank.

 

26  Nun sagte sein Vater Isaak zu ihm: Komm näher und küss mich, mein Sohn!

27  Er trat näher und küsste ihn. Isaak roch den Duft seiner Kleider, er segnete ihn und sagte: Ja, mein Sohn duftet wie das Feld, das der Herr gesegnet hat.

28  Gott gebe dir vom Tau des Himmels, vom Fett der Erde, viel Korn und Most.

29  Dienen sollen dir die Völker, Stämme sich vor dir niederwerfen, Herr sollst du über deine Brüder sein. Die Söhne deiner Mutter sollen dir huldigen. Verflucht, wer dich verflucht. Gesegnet, wer dich segnet.

 

30  Kaum hatte Isaak Jakob gesegnet und war Jakob von seinem Vater Isaak weggegangen, da kam sein Bruder Esau von der Jagd.

31  Auch er bereitete ein leckeres Mahl, brachte es seinem Vater und sagte zu ihm: Mein Vater richte sich auf und esse von dem Wildbret seines Sohnes, damit du mich dann segnest.

32  Da fragte ihn sein Vater Isaak: Wer bist du? Er antwortete: Ich bin dein Sohn Esau, dein Erstgeborener.

33  Da überkam Isaak ein heftiges Zittern und er fragte: Wer war es denn, der das Wildbret gejagt und es mir gebracht hat? Ich habe von allem gegessen, bevor du gekommen bist, und ich habe ihn gesegnet; gesegnet wird er auch bleiben.

 

34  Als Esau die Worte seines Vaters hörte, schrie er heftig auf, aufs Äußerste verbittert, und sagte zu seinem Vater: Segne auch mich, Vater!

35  Er entgegnete: Dein Bruder ist mit List gekommen und hat dir den Segen weggenommen.

36  Da sagte Esau: Hat man ihn nicht Jakob (Betrüger) genannt? Er hat mich jetzt schon zweimal betrogen: Mein Erstgeburtsrecht hat er mir genommen, jetzt nimmt er mir auch noch den Segen. Dann sagte er: Hast du mir keinen Segen aufgehoben? 

 

37  Isaak antwortete und sagte zu Esau: Ich habe ihn zum Herrn über dich gemacht und alle seine Brüder habe ich ihm als Knechte gegeben. Auch mit Korn und Most habe ich ihn versorgt. Was kann ich da noch für dich tun, mein Sohn?

38  Da sagte Esau zu seinem Vater: Hattest du denn nur einen einzigen Segen, Vater? Segne auch mich, Vater! Und Esau begann laut zu weinen.

 

39  Sein Vater Isaak antwortete ihm und sprach: Fern vom Fett der Erde musst du wohnen, fern vom Tau des Himmels droben.

40  Von deinem Schwert wirst du leben. Deinem Bruder wirst du dienen. Doch hältst du durch, so streifst du ab sein Joch von deinem Nacken.‘

 

 

3. Interpretation

 

Um diese Geschichte von der Erschleichung des väterlichen Segens besser verstehen zu können, wollen wir zunächst darlegen, wie sich das Verhältnis beider Brüder zueinander entwickelt hat. Die Geschichte beginnt bereits mit der Geburt beider Zwillinge. Im Buch Genesis in Kapitel 25 lesen wir:

 

19 ‚Und das ist die Geschlechterfolge nach Isaak, dem Sohn Abrahams: Abraham zeugte Isaak.

20  Isaak war vierzig Jahre alt, als er Rebekka zur Frau nahm. Sie war die Tochter des Aramäers Betuël aus Paddan-Aram, eine Schwester des Aramäers Laban.

21  Isaak betete zum Herrn für seine Frau, denn sie war kinderlos geblieben, und der Herr ließ sich von ihm erbitten. Als seine Frau Rebekka schwanger war,

22  stießen die Söhne einander im Mutterleib. Da sagte sie: Wenn das so ist, was soll dann aus mir werden? Sie ging, um den Herrn zu befragen.

23  Der Herr gab diese Antwort: Zwei Völker sind in deinem Leib, zwei Stämme trennen sich schon in deinem Schoß. Ein Stamm ist dem andern überlegen, der ältere muss dem jüngeren dienen.

24  Als die Zeit ihrer Niederkunft gekommen war, zeigte es sich, dass sie Zwillinge in ihrem Leib trug.

25  Der erste, der kam, war rötlich, über und über mit Haaren bedeckt wie mit einem Fell. Man nannte ihn Esau.

26  Darauf kam sein Bruder; seine Hand hielt die Ferse Esaus fest. Man nannte ihn Jakob (Fersenhalter). Isaak war sechzig Jahre alt, als sie geboren wurden.‘

 

Also bereits im Mutterleib begann die Feindschaft beider Brüder, sie stießen einander und Gott selbst deutete dieses Geschehen Rebekka gegenüber, die den Herrn befragte, dass die beiden Zwillinge zwei Völker vertreten, wobei bereits hier davon gesprochen wird, dass der Jüngere, also Jakob über den Älteren (Esau) herrschen werde. Also wird hier bereits darauf hingewiesen, dass es Gottes Wille war, dass der Jüngere und nicht der Erstgeborene den Bund mit Gott weiterführen soll.

 

Es folgt nun im 25. Kapitel der Genesis die Erzählung, wonach Esau Jakob das Erstgeburtsrecht für ein Linsengericht verkaufte. In Kapitel 25 der Genesis heißt es:

 

27 ‚Die Knaben wuchsen heran. Esau war ein Mann geworden, der sich auf die Jagd verstand, ein Mann des freien Feldes. Jakob dagegen war ein untadeliger Mann und blieb bei den Zelten.

28  Isaak hatte Esau lieber, denn er aß gern Wildbret; Rebekka aber hatte Jakob lieber.

29  Einst hatte Jakob ein Gericht zubereitet, als Esau erschöpft vom Feld kam.

30  Da sagte Esau zu Jakob: Gib mir doch etwas zu essen von dem Roten, von dem Roten da, ich bin ganz erschöpft. Deshalb heißt er Edom (Roter).

31  Jakob gab zur Antwort: Dann verkauf mir jetzt sofort dein Erstgeburtsrecht!

32  Schau, ich sterbe vor Hunger, sagte Esau, was soll mir da das Erstgeburtsrecht?

33  Jakob erwiderte: Schwör mir jetzt sofort! Da schwor er ihm und verkaufte sein Erstgeburtsrecht an Jakob.

34  Darauf gab Jakob dem Esau Brot und Linsengemüse; er aß und trank, stand auf und ging seines Weges. Vom Erstgeburtsrecht aber hielt Esau nichts.‘

 

Nachdem also Jakob sich den väterlichen Segen, den dieser eigentlich Esau zugedacht hatte, durch eine List erschlichen hatte, war Esau dem Jakob wegen des Segens Feind und er sagte (Genesis Kapitel 27):

 

41 ‚Es nähern sich die Tage der Trauer um meinen Vater; dann werde ich meinen Bruder Jakob umbringen.‘

 

Rebekka hörte von dieser Drohung und riet Jakob, den sie liebte: 

 

42  ‚Dein Bruder Esau will sich an dir rächen und dich töten.

43  Nun aber, mein Sohn, hör auf mich! Mach dich auf und flieh zu meinem Bruder Laban nach Haran!

44  Bleib einige Zeit bei ihm, bis sich der Groll deines Bruders gelegt hat.

45  Wenn der Zorn deines Bruders von dir abgelassen und er vergessen hat, was du ihm angetan hast, werde ich dich von dort holen lassen. Warum soll ich euch beide an einem Tag verlieren?‘

 

Da Isaak Esau seinen Segen verweigert hatte und als Esau gehört hatte, dass Isaak Jakob befahl, keine  Kanaaniterin zur Frau zu nehmen, nahm er sich aus Wut und Enttäuschung über seinen Vater und aus Trotz eine Frau aus Kanaan.

 

Jakob war in der Zwischenzeit zu seinem Onkel Laban nach Haran gezogen und hatte ihm für zweimal sieben Jahre gedient. Als Lohn erhoffte er sich nach siebenjährigem Dienst Rahel, die zweite Tochter des Laban zur Frau zu erhalten. Durch eine List erreichte Laban jedoch nach Ablauf von sieben Jahren, dass Lea, seine erste Tochter, Jakob im Ehebett beiwohnte. Da Jakobs Herz jedoch an Rahel hing, war er bereit, nochmals sieben Jahre in Labans Diensten zu verbringen, um dann auch seine geliebte Rahel ehelichen zu können.

 

Als dann die zweiten sieben Jahre um waren und er sich den Lohn für seine Dienste abholen wollte, gelang es Jakob durch eine List, Laban zu übervorteilen. Er wollte sich dafür rächen, dass Laban ihm zuvor angeblich zehnmal seinen Lohn gekürzt hatte. In Kapitel 30 heißt es:

 

31  ‚Da sagte Laban: Was soll ich dir geben? Du brauchst mir weiter nichts zu geben, antwortete Jakob, wenn du mit folgendem Vorschlag einverstanden bist: Ich will dein Vieh weiterhin weiden und hüten.

32  Ich will heute unter deinem Vieh umhergehen. Und du sondere dort alle schwarz gesprenkelten oder schwarz scheckigen und alle dunklen Schafe aus,  ebenso die weiß scheckigen und weiß gesprenkelten Ziegen. Das soll mein Lohn sein.

33  Morgen soll meine Redlichkeit offenbar werden, wenn du kommst, meinen Lohn zu besehen: Alles, was nicht weiß gesprenkelt und weiß scheckig unter den Ziegen und dunkel unter den Lämmern ist, das soll als von mir gestohlen gelten.

34  Gut, sagte Laban, wie du gesagt hast, soll es geschehen.

 

35  Am selben Tag noch sonderte er (Laban) die hell gestreiften und weiß scheckigen Ziegenböcke aus und alle weiß gesprenkelten und weiß scheckigen Ziegen, alles, an dem etwas Weißes war, und alles Dunkle unter den Lämmern und übergab es seinen Söhnen.

36  Dann entfernte er sich drei Tagesmärsche von Jakob, der das übrige Vieh Labans weidete.

 

37  Nun holte sich Jakob frische Ruten von Silberpappeln, Mandelbäumen und Platanen, schälte weiße Streifen heraus und legte so das Weiße an den Ruten bloß.

38  Die geschälten Ruten legte er in die Tröge, in die Wasserrinnen, zu denen die Tiere zur Tränke kamen, gerade vor die Tiere hin. Die Tiere begatteten sich, wenn sie zur Tränke kamen.

39  Hatten sich die Tiere vor den Ruten begattet, so warfen sie gestreifte, gesprenkelte und scheckige Junge.

40  Die Lämmer teilte Jakob auf. Er richtete den Blick der Tiere auf das Gestreifte und alles Dunkle in der Herde Labans. So legte er sich selbst Herden zu und tat sie nicht zum Vieh Labans.

41  Jedes Mal nun, wenn sich die kräftigen Tiere begatteten, legte Jakob die Ruten in die Tröge, sodass die Tiere sie vor Augen hatten, wenn sie sich begatteten.

42  Bei den schwächlichen Tieren aber legte er sie nicht hin. So wurden die schwächlichen Labans, die kräftigen dagegen Jakobs.‘

 

Zu seinen beiden Frauen sagte er später (Kapitel 31 ):

 

7 ‚Aber euer Vater hat mich hintergangen und meinen Lohn zehnmal geändert; Gott freilich hat ihn daran gehindert, mich zu schädigen.‘

 

Und zu Laban sprach er:

 

41 ‚Schon zwanzig Jahre diene ich in deinem Haus, vierzehn Jahre um deine beiden Töchter und sechs Jahre um dein Vieh. Du aber hast meinen Lohn zehnmal geändert.‘

 

Ohne sich von Laban zu verabschieden, zog Jakob eines Tages mit seinen beiden Frauen und seinem Vieh heimwärts. Als Laban von dem heimlichen Fortgang Jakobs erfuhr, eilte er Jakob nach, um diesem das Vieh abzunehmen. Der Herr erschien allerdings Laban und befahl ihm, Jakob in Frieden ziehen zu lassen. So kam es, dass zuletzt Laban und Jakob in Frieden auseinandergingen.

 

Jakob zog also von dannen. Als er sich seiner Heimat näherte, schickte er Boten zu seinem Bruder, um sich mit ihm zu versöhnen (Kapitel 32):

 

5 ‚Er trug ihnen auf: Ihr sollt Esau, meinem Herrn, sagen: So sagt dein Knecht Jakob: Bei Laban habe ich mich aufgehalten und bin bis jetzt ausgeblieben.

6  Ich habe Ochsen und Esel, Schafe und Ziegen, Knechte und Mägde. Ich gebe nun meinem Herrn durch Boten Nachricht, um dein Wohlwollen zu finden.

7  Die Boten kehrten zu Jakob zurück und berichteten: Als wir zu deinem Bruder Esau kamen, war auch er schon unterwegs zu dir. Vierhundert Mann hat er bei sich.

8  Jakob wurde angst und bange. Er teilte seine Leute, die Schafe und Ziegen, die Rinder und Kamele auf zwei Lager auf

9  und sagte: Wenn Esau zu dem einen Lager kommt und es niedermacht, dann kann das andere Lager entkommen.‘

 

Zum Herrn sprach er:

 

12 ‚Entreiß mich doch der Hand meines Bruders, der Hand Esaus! Ich fürchte nämlich, er könnte kommen und mich erschlagen, Mutter und Kinder…

 

14 Er brachte dort jene Nacht zu. Dann stellte er von allem, was er gerade zur Hand hatte, ein Geschenk für seinen Bruder Esau zusammen….

 

18 Dem ersten trug er auf: Wenn du auf meinen Bruder Esau triffst und er dich ausfragt: Zu wem gehörst du, wohin gehst du und wem gehört das da vor dir?,

19 dann sag: Deinem Knecht Jakob. Ein Geschenk ist es, gesandt an meinen Herrn, an Esau. Schau, dort hinter uns kommt er auch schon selbst.

 

20 Auch dem zweiten und dritten, allen, die hinter den einzelnen Herden schritten, trug er auf: Im gleichen Sinn redet mit Esau, wenn ihr ihn trefft.

 

33,1 Jakob blickte auf und sah: Esau kam und mit ihm vierhundert Mann. Da verteilte er die Kinder auf Lea und Rahel und auf die beiden Mägde.‘

 

Aber es zeigte sich (Kapitel 33), dass Esau gar nicht die Absicht hatte, sich an Jakob zu rächen:

 

4 ‚Esau lief vielmehr ihm entgegen, umarmte ihn und fiel ihm um den Hals; er küsste ihn und sie weinten.

5 Dann blickte Esau auf und sah die Frauen mit den Kindern. Er fragte: Wer sind die dort bei dir? Die Kinder, erwiderte er, die Gott deinem Knecht aus Wohlwollen geschenkt hat….

 

8 Da fragte Esau: Was willst du mit dem ganzen Auftrieb dort, auf den ich gestoßen bin? Jakob erwiderte: Ich wollte das Wohlwollen meines Herrn finden.

9 Darauf sagte Esau: Ich habe selber genug, Bruder. Behalte, was dir gehört…

 

12 Darauf machte Esau den Vorschlag: Brechen wir auf und ziehen wir weiter.  Ich will an deiner Seite ziehen.               

13  Jakob entgegnete ihm: Mein Herr weiß, dass die Kinder noch Schonung brauchen; auch habe ich für säugende Schafe und Rinder zu sorgen. Überanstrengt man sie nur einen einzigen Tag, so geht das ganze Vieh ein.

14  Mein Herr ziehe doch seinem Knecht voraus. Ich aber will mich dem gemächlichen Gang der Viehherden vor mir und dem Schritt der Kinder anpassen, bis ich zu meinem Herrn nach Seïr komme.

15  Darauf sagte Esau: Ich will dir einige von meinen Leuten zuweisen. Wozu?, erwiderte Jakob, ich finde ja das Wohlwollen meines Herrn.

16  Esau kehrte an jenem Tag um und zog nach Seïr zurück.‘

 

 

4. Die Bedeutung des Erstgeburtsrechtes und des Segens

 

Wir wollen uns nun etwas ausführlicher mit der Bedeutung des Erstgeburtsrechtes und des Segens im Alten Testament befassen. Ich erwähnte bereits zu Beginn dieses Kapitels, dass zwar das Recht des Erstgeborenen, den väterlichen Betrieb zu übernehmen, auch in Israel Gültigkeit hatte, dass aber dem Erstgeborenen in Israel darüber hinaus eine ganz besondere Bedeutung zukam. Allerdings wird diese Bedeutung erst sehr viel später im Zusammenhang mit dem Wirken Moses es pressis verbis ausgesprochen.

 

Moses hatte bekanntlich von Gott den Auftrag bekommen, vor den Pharao zu treten und diesen aufzufordern, die Israeliten freizugeben, sodass diese in das Gelobte Land ziehen können. Der Pharao war aber verstockt und trotz der anfänglich sechs Plagen nicht hierzu bereit. Nun sandte Gott die siebte, schwerste Plage, durch welche die Erstgeborenen der Ägypter getötet wurden. Hierzu heißt es in dem Buch Exodus Kapitel 12:

 

1  ‚Der Herr sprach zu Mose und Aaron in Ägypten:

3  ‚Sagt der ganzen Gemeinde Israel: Am Zehnten dieses Monats soll jeder ein Lamm für seine Familie holen, ein Lamm für jedes Haus….

 

6  Ihr sollt es bis zum vierzehnten Tag dieses Monats aufbewahren. Gegen Abend soll die ganze versammelte Gemeinde Israel die Lämmer schlachten.

7  Man nehme etwas von dem Blut und bestreiche damit die beiden Türpfosten und den Türsturz an den Häusern, in denen man das Lamm essen will….

 

12  In dieser Nacht gehe ich durch Ägypten und erschlage in Ägypten jeden Erstgeborenen bei Mensch und Vieh. Über alle Götter Ägyptens halte ich Gericht, ich, der Herr.

13  Das Blut an den Häusern, in denen ihr wohnt, soll ein Zeichen zu eurem Schutz sein. Wenn ich das Blut sehe, werde ich an euch vorübergehen und das vernichtende Unheil wird euch nicht treffen, wenn ich in Ägypten dreinschlage.

14  Diesen Tag sollt ihr als Gedenktag begehen. Feiert ihn als Fest zur Ehre des Herrn! Für die kommenden Generationen macht euch diese Feier zur festen Regel!

 

Und in Kapitel 13 lesen wir dann den entscheidenden Satz:

 

1  ‚Der Herr sprach zu Mose:

2  Erkläre alle Erstgeburt als mir geheiligt! Alles, was bei den Israeliten den Mutterschoß durchbricht, bei Mensch und Vieh, gehört mir.

3  Mose sagte zum Volk: Denkt an diesen Tag, an dem ihr aus Ägypten, dem Sklavenhaus, fortgezogen seid; denn mit starker Hand hat euch der Herr von dort herausgeführt.‘

 

Nun wird erst klar, warum Paulus – wie oben erwähnt – in seinem Hebräerbrief das Verhalten des Esaus bei der Vergabe des Erstgeborenenrechtes als gottlos gebrandmarkt hatte. Es geht hier in Wirklichkeit nicht darum, dass Esau auf ein Recht verzichtet, das ihm nach allgemeinem Gebrauch zusteht. Wieso auch sollte ein Verzicht auf materielle Güter als gottlos bezeichnet werden? Es geht hier vielmehr darum, dass die Erstgeborenen als Gott geweiht gelten und dass deshalb der Verzicht auf das Erstgeburtsrecht in Wirklichkeit als eine Absage gilt, sich als Gott geweiht anzusehen und zu verhalten.

 

Im Hinblick auf das Recht des Erstgeborenen, das väterliche Erbe zu erhalten und als derjenige zu gelten, der den Bund Gottes mit den Israeliten weiterführen soll, lässt sich hingegen feststellen, dass Gott diesen Bund keinesfalls immer mit dem Erstgeborenen eingeht. Ganz im Gegenteil: Immer wieder erfahren wir im Alten Testament, dass Gott gerade nicht den Erstgeborenen auswählt und sein Wohlwollen zeigt. Dieses Verhalten Gottes wird bereits kurz nach der Vertreibung der ersten Menschen aus dem Paradies sichtbar. In Kapitel 4 der Genesis heißt es:

 

1  ‚Adam erkannte Eva, seine Frau; sie wurde schwanger und gebar Kain. Da sagte sie: Ich habe einen Mann vom Herrn erworben.

2  Sie gebar ein zweites Mal, nämlich Abel, seinen Bruder. Abel wurde Schafhirt und Kain Ackerbauer.

3  Nach einiger Zeit brachte Kain dem Herrn ein Opfer von den Früchten des Feldes dar;

4  auch Abel brachte eines dar von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Der Herr schaute auf Abel und sein Opfer,

5  aber auf Kain und sein Opfer schaute er nicht. Da überlief es Kain ganz heiß und sein Blick senkte sich.

6  Der Herr sprach zu Kain: Warum überläuft es dich heiß und warum senkt sich dein Blick?

7  Nicht wahr, wenn du recht tust, darfst du aufblicken; wenn du nicht recht tust, lauert an der Tür die Sünde als Dämon. Auf dich hat er es abgesehen, doch du werde Herr über ihn! 

8  Hierauf sagte Kain zu seinem Bruder Abel: Gehen wir aufs Feld! Als sie auf dem Feld waren, griff Kain seinen Bruder Abel an und erschlug ihn.

9  Da sprach der Herr zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er entgegnete: Ich weiß es nicht. Bin ich der Hüter meines Bruders?

10  Der Herr sprach: Was hast du getan? Das Blut deines Bruders schreit zu mir vom Ackerboden.

11  So bist du verflucht, verbannt vom Ackerboden, der seinen Mund aufgesperrt hat, um aus deiner Hand das Blut deines Bruders aufzunehmen.

12  Wenn du den Ackerboden bestellst, wird er dir keinen Ertrag mehr bringen. Rastlos und ruhelos wirst du auf der Erde sein.

13  Kain antwortete dem Herrn: Zu groß ist meine Schuld, als dass ich sie tragen könnte.

14  Du hast mich heute vom Ackerland verjagt und ich muss mich vor deinem Angesicht verbergen; rastlos und ruhelos werde ich auf der Erde sein und wer mich findet, wird mich erschlagen.‘

 

Es ist also nicht Kain, der Erstgeborene, der vor Gott Gnade findet, sondern der zweitgeborene Sohn Adam und Evas, nämlich Abel.

 

In ähnlichem Sinne erfahren wir dann, dass wiederum der erstgeborene Sohn Abrahams: Ismael keinesfalls derjenige ist, welcher den Bund fortführen darf, den Gott mit Abraham geschlossen hatte. Es war vielmehr Isaak, der Zweitgeborene, auf den dann der väterliche Segen fiel.

 

Wenn also nun nicht Esau, der Erstgeborene, sondern Jakob, der Zweitgeborene den väterlichen Segen erhält und damit den Bund mit Gott fortsetzen darf, passt diese Entwicklung sehr wohl in das bisherige Geschehen.

 

Aber diese Tradition wird dann auch mit den Söhnen Jakobs fortgesetzt. Jakob hatte zwölf Söhne. Der mit Lea erzeugte Erstgeborene war Rubens, auch er spielt im Zusammenhang mit der Fortsetzung des Bundes mit Gott keine entscheidende Rolle. Es war vielmehr Josef, der als vorletzter Geborene (als erster von Rahel geborene Sohn) von seinem Vater am meisten geliebt wurde und der in Ägypten zu Macht gelang und auf diese Weise die Möglichkeit erhielt, seinen Vater und seine Brüder und damit das israelische Volk vor einer Hungersnot zu retten.

 

Weiterhin war es Moses, der den Bund mit Gott fortsetzte. Auch er war nicht der Erstgeborene, sondern der Zweitgeborene, der Erstgeborene war sein Bruder Aaron, beide entstammten auch nicht aus dem Hause Juda, sondern gehörten der levitischen Familie an. Aaron und Moses wurden beide von Gott beauftragt, das hebräische Volk aus der Knechtschaft in Ägypten herauszuführen, es war aber nicht Aaron, sondern Moses, der die Führung übernahm, obwohl Moses einen Sprachfehler hatte.

 

Der erste König der Israeliten war Saul. Saul war jedoch ein Nachkomme Benjamins, nach den eigenen Worten Sauls ein Sohn des kleinsten Stammes Israels und entstammte aus der geringsten Sippe dieser Familie. Trotzdem ‚nahm Samuel den Ölkrug und goss Saul das Öl auf das Haupt, küsste ihn und sagte: Hiermit hat der Herr dich zum Fürsten über sein Erbe gesalbt‘ (1. Buch Samuel Kapitel 10,1).

 

Diese Tradition, eben gerade nicht den Erstgeborenen zum Anführer der Israeliten auszuwählen, setzt sich auch bei der Salbung Davids zum König fort. Im 1. Buch Samuel Kapitel 16 erfahren wir:

 

1 ‚Der Herr sagte zu Samuel: Wie lange willst du noch um Saul trauern? Ich habe ihn doch verworfen; er soll nicht mehr als König über Israel herrschen. Fülle dein Horn mit Öl und mach dich auf den Weg! Ich schicke dich zu dem Betlehemiter Isai; denn ich habe mir einen von seinen Söhnen als König ausersehen...

 

3  Lade Isai zum Opfer ein! Ich selbst werde dich dann erkennen lassen, was du tun sollst: Du sollst mir nur den salben, den ich dir nennen werde.

4  Samuel tat, was der Herr befohlen hatte…

5 Heiligt euch und kommt mit mir zum Opfer! Dann heiligte er Isai und seine Söhne und lud sie zum Opfer ein.

6  Als sie kamen und er den Eliab sah, dachte er: Gewiss steht nun vor dem Herrn sein Gesalbter.

7  Der Herr aber sagte zu Samuel: Sieh nicht auf sein Aussehen und seine stattliche Gestalt, denn ich habe ihn verworfen; Gott sieht nämlich nicht auf das, worauf der Mensch sieht. Der Mensch sieht, was vor den Augen ist, der Herr aber sieht das Herz.

 

8  Nun rief Isai den Abinadab und ließ ihn vor Samuel treten. Dieser sagte: Auch ihn hat der Herr nicht erwählt.

9  Isai ließ Schima kommen. Samuel sagte: Auch ihn hat der Herr nicht erwählt.

10  So ließ Isai sieben seiner Söhne vor Samuel treten, aber Samuel sagte zu Isai: Diese hat der Herr nicht erwählt.

 

11  Und er fragte Isai: Sind das alle deine Söhne? Er antwortete: Der jüngste fehlt noch, aber der hütet gerade die Schafe. Samuel sagte zu Isai: Schick jemand hin und lass ihn holen; wir wollen uns nicht zum Mahl hinsetzen, bevor er hergekommen ist.

12  Isai schickte also jemand hin und ließ ihn kommen. David war blond, hatte schöne Augen und eine schöne Gestalt. Da sagte der Herr: Auf, salbe ihn! Denn er ist es.

13  Samuel nahm das Horn mit dem Öl und salbte David mitten unter seinen Brüdern.‘

 

Hier wird nicht nur deutlich, dass Gott keineswegs immer den Erstgeborenen auserwählt, dass er vielleicht sogar den Letztgeborenen – wie bei David – zur Führung bestimmt. Es wird hier auch dargelegt, warum Gott sich nicht an die von Menschen geschaffene Ordnung der Geschlechterfolge hält. Wir erfahren hier, dass Gott nicht auf das Aussehen und die äußere stattliche Gestalt sieht, sondern auf das Herz des Auserwählten.

 

Auch nach David setzt sich dieser Grundsatz fort. Wiederum ist es nicht Amnon, der Erstgeborene von seiner Frau Ahinoam, welcher David auf den Thron folgt, sondern der erst in Jerusalem geborene Sohn namens Salomo.