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Die schönsten Erzählungen der Bibel

 

 

 

Gliederung:

 

1. Einführung

  2. Schöpfungsbericht

  3. Sündenfall

  4. Kain und Abel

  5. Noah im Rausch

  6. Abraham hadert mit Gott

  7. Isaaks Opferung

  8. Der Segen für Jakob, dem Jüngeren

  9. Josef und seine Brüder

10. Moses vor dem Pharao

11. Ruth die moabitische Frau und Ahnfrau Davids

12. David gegen Goliath

13. David und die Frau des Hethiters

14. Esthers Rettung der Juden

15.  Hiobs Leid und Gottvertrauen

16. Die Verleugnung Petrus

17. Der Verrat Judas 

18. Der barmherzige Samariter

19. Die Hochzeit zu Kanaan

20. Die Tempelreinigung

21. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn

22. Jesus und die Ehebrecherin

23. Jesus am Ölberg

24. Der ungläubige Thomas

 

 

Kapitel 7. Isaaks Opferung

 

 

 

Gliederung:

 

1. Problem

2. Der Text

3. Will Gott wirklich Menschenopfer?

4. Will Gott Abraham wirklich auf die Probe stellen?

5. Ein alternativer Erklärungsansatz

6. Die eigentliche Botschaft dieser Erzählung

 

 

 

1. Problem

 

In einer weiteren Erzählung im Buch Genesis Kapitel 22,1-19 wird uns berichtet, dass Jahwe Abraham aufforderte, seinen einzigen, geliebten Sohn Isaak als Brandopfer Gott zu weihen. Wir werden sehen, dass eine solche Schlussfolgerung, welche die Überschrift (‚Abrahams Opfer‘) nahelegt, mit welcher zumindest die Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift diese Erzählung beginnt, nicht erlaubt ist, dass ganz im Gegenteil diese Erzählung aufzeigen soll, dass Jahwe, der einzige Gott Abrahams und der Israeliten, im Gegensatz zu fast allen Göttern der heidnischen Religionen während der Zeit Abrahams mit dem Brauch brechen möchte, dass die Menschen zur Versöhnung der Götter Menschenopfer darbringen. 

 

Mit dieser Begebenheit war ein eindeutiger Einschnitt in den Beziehungen der Menschen zu Gott eingeleitet. Diese Erzählung will uns klar machen, dass Jahwe gerade keine Menschenopfer wünscht und dass die bewusste Tötung eines Menschen gerade nicht gewollt ist, mag das Ziel, das hinter einem Opfer steht, noch so sehr der Verehrung Gottes dienen.

 

 

2. Der Text

 

Beginnen wir auch dieses Kapitel wiederum mit dem Text dieser Erzählung. In dem ersten Buch Moses, in Genesis  Kapitel 22,1-19 lesen wir:

 

1  ‚Nach diesen Ereignissen stellte Gott Abraham auf die Probe. Er sprach zu ihm: Abraham! Er antwortete: Hier bin ich.

2  Gott sprach: Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, Isaak, geh in das Land Morija und bring ihn dort auf einem der Berge, den ich dir nenne, als Brandopfer dar.

 

3  Frühmorgens stand Abraham auf, sattelte seinen Esel, holte seine beiden Jungknechte und seinen Sohn Isaak, spaltete Holz zum Opfer und machte sich auf den Weg zu dem Ort, den ihm Gott genannt hatte.

4  Als Abraham am dritten Tag aufblickte, sah er den Ort von weitem.

5  Da sagte Abraham zu seinen Jungknechten: Bleibt mit dem Esel hier! Ich will mit dem Knaben hingehen und anbeten; dann kommen wir zu euch zurück.

6  Abraham nahm das Holz für das Brandopfer und lud es seinem Sohn Isaak auf. Er selbst nahm das Feuer und das Messer in die Hand. So gingen beide miteinander.

 

7  Nach einer Weile sagte Isaak zu seinem Vater Abraham: Vater! Er antwortete: Ja, mein Sohn! Dann sagte Isaak: Hier ist Feuer und Holz. Wo aber ist das Lamm für das Brandopfer?

8  Abraham entgegnete: Gott wird sich das Opferlamm aussuchen, mein Sohn. Und beide gingen miteinander weiter.

 

9  Als sie an den Ort kamen, den ihm Gott genannt hatte, baute Abraham den Altar, schichtete das Holz auf, fesselte seinen Sohn Isaak und legte ihn auf den Altar, oben auf das Holz.

10  Schon streckte Abraham seine Hand aus und nahm das Messer, um seinen Sohn zu schlachten.

 

11  Da rief ihm der Engel des Herrn vom Himmel her zu: Abraham, Abraham! Er antwortete: Hier bin ich.

12  Jener sprach: Streck deine Hand nicht gegen den Knaben aus und tu ihm nichts zuleide! Denn jetzt weiß ich, dass du Gott fürchtest; du hast mir deinen einzigen Sohn nicht vorenthalten.

 

13  Als Abraham aufschaute, sah er: Ein Widder hatte sich hinter ihm mit seinen Hörnern im Gestrüpp verfangen. Abraham ging hin, nahm den Widder und brachte ihn statt seines Sohnes als Brandopfer dar.

 

14  Abraham nannte jenen Ort Jahwe-Jire (Der Herr sieht), wie man noch heute sagt: Auf dem Berg lässt sich der Herr sehen.

15  Der Engel des Herrn rief Abraham zum zweiten Mal vom Himmel her zu

16  und sprach: Ich habe bei mir geschworen – Spruch des Herrn: Weil du das getan hast und deinen einzigen Sohn mir nicht vorenthalten hast,

17  will ich dir Segen schenken in Fülle und deine Nachkommen zahlreich machen wie die Sterne am Himmel und den Sand am Meeresstrand. Deine Nachkommen sollen das Tor ihrer Feinde einnehmen.

18  Segnen sollen sich mit deinen Nachkommen alle Völker der Erde, weil du auf meine Stimme gehört hast.‘

 

 

3. Will Gott wirklich Menschenopfer?

 

Die Vorstellung, dass Gott, der Schöpfer der Welt und damit auch der Menschen, von Abraham verlangen könne, seinen eigenen, einzigen und geliebten Sohn Gott als Brandopfer darzubringen und zwar zu einer Zeit, in welcher sowohl Abraham selbst wie auch seine Frau Sarah bereits ein Alter erreicht hatten, in dem man normaler Weise keine Kinder mehr zeugen bzw. gebären kann, ist nur schwer vorstellbar. Ein solches Verlangen steht mit mehreren anderen Aussagen der Heiligen Schrift in krassem Gegensatz.

 

Gott hatte erstens mit Abraham einen Bund geschlossen und hierbei Abraham versprochen, dass er der Stammvater eines ganzen Volkes werden werde.  In Kapitel 12,1-2 der Genesis heißt es:

 

1  ‚Der Herr sprach zu Abram: Zieh weg aus deinem Land, von deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde.

2  Ich werde dich zu einem großen Volk machen, dich segnen und deinen Namen groß machen. Ein Segen sollst du sein‘.

 

Später in Genesis Kapitel 13,14-16 wiederholte Gott Abraham gegenüber sein Versprechen:

 

14  ‚Nachdem sich Lot von Abram getrennt hatte, sprach der Herr zu Abram: Blick auf und schau von der Stelle, an der du stehst, nach Norden und Süden, nach Osten und Westen.

15  Das ganze Land nämlich, das du siehst, will ich dir und deinen Nachkommen für immer geben.

16  Ich mache deine Nachkommen zahlreich wie den Staub auf der Erde. Nur wer den Staub auf der Erde zählen kann, wird auch deine Nachkommen zählen können‘.

 

Und nochmals erneuerte Gott sein Versprechen: Hierzu heißt es im Buch Genesis, Kapitel 15,1-5:

 

1 ‚Nach diesen Ereignissen erging das Wort des Herrn in einer Vision an Abram: Fürchte dich nicht, Abram, ich bin dein Schild; dein Lohn wird sehr groß sein.

2  Abram antwortete: Herr, mein Herr, was willst du mir schon geben? Ich gehe doch kinderlos dahin und Erbe meines Hauses ist Eliëser aus Damaskus.

3  Und Abram sagte: Du hast mir ja keine Nachkommen gegeben; also wird mich mein Haussklave beerben.

4  Da erging das Wort des Herrn an ihn: Nicht er wird dich beerben, sondern dein leiblicher Sohn wird dein Erbe sein.

5  Er führte ihn hinaus und sprach: Sieh doch zum Himmel hinauf und zähl die Sterne, wenn du sie zählen kannst. Und er sprach zu ihm: So zahlreich werden deine Nachkommen sein.

 

Schließlich gibt der Herr Abraham ein letztes Mal das Versprechen, dass Abraham der Stammvater eines großen Gottes werde. Im Buch Genesis Kapitel 18,9-14 lesen wir: Der Herr fragte Abraham:

 

9 ‚…. Wo ist deine Frau Sara? Dort im Zelt, sagte er.

10  Da sprach der Herr: In einem Jahr komme ich wieder zu dir, dann wird deine Frau Sara einen Sohn haben. Sara hörte am Zelteingang hinter seinem Rücken zu.

11 Abraham und Sara waren schon alt; sie waren in die Jahre gekommen. Sara erging es längst nicht mehr, wie es Frauen zu ergehen pflegt.

12 Sara lachte daher still in sich hinein und dachte: Ich bin doch schon alt und verbraucht und soll noch das Glück der Liebe erfahren? Auch ist mein Herr doch schon ein alter Mann! 

13 Da sprach der Herr zu Abraham: Warum lacht Sara und sagt: Soll ich wirklich noch Kinder bekommen, obwohl ich so alt bin?

14 Ist beim Herrn etwas unmöglich? Nächstes Jahr um diese Zeit werde ich wieder zu dir kommen; dann wird Sara einen Sohn haben.‘

 

Es ist also kaum glaubhaft, dass Gott von Abraham verlangt, nun seinen einzigen Sohn zu opfern. Gott hatte mit Isaak wahrlich etwas anderes im Sinn.

 

Zweitens isst es wenig glaubhaft, dass Jahwe, der ansonsten im Alten Testament immer wieder als ein Gott beschrieben wird, der im Gegensatz zu den heidnischen Göttern allzeit gerecht und darüber hinaus barmherzig und gütig ist, ein Gott, der sogar den Menschen, die einmal seinen Weisungen nicht gefolgt sind und gesündigt haben, aber ihre Tat bereuen und willens sind umzukehren, verzeiht, dass dieser Gott Isaak sein Leben rauben will, obwohl dieser kein Unrecht begangen hat und Abraham auffordert, sein einziges und geliebtes Kind als Brandopfer zu töten. Abraham wird im Buch Genesis als einer der ganz wenigen Menschen beschrieben, welche Gottes Weisungen befolgen, die also auch keine Strafe verdienen.

 

Drittens muss es auch verwundern, dass Abraham diese Weisung unwidersprochen hinnimmt und sich sofort aufmacht, seinen geliebten Sohn als Brandopfer Gott darzubieten. Einige Kapitel vorher (Kapitel 18 des Buches Genesis) hatten wir einen Abraham kennen gelernt, der es durchaus wagt, Gott zu widersprechen, wenn er die Pläne Gottes für falsch und ungerecht hält.

 

Im letzten Kapitel dieser Vorlesung hatten wir gesehen, dass Gott Abraham mitteilte, er wolle die Städte Sodom und Gomorra wegen deren Sünden auslöschen. Sofort widersprach Abraham. Gott würde ja dann, wenn er diesen Plan ausführe, auch die Gerechten mit den Ungerechten vernichten und das dürfe Gott auf keinen Fall tun, das sei grobes Unrecht und auch Gott habe sich an die Gesetze (nämlich Menschen nicht zu töten) genauso wie die Menschen zu halten. Im Buch Genesis Kapitel 18,22-25 heißt es:

 

22 ‚Abraham aber stand noch immer vor dem Herrn.

23  Er trat näher und sagte: Willst du auch den Gerechten mit den Ruchlosen wegraffen?

24  Vielleicht gibt es fünfzig Gerechte in der Stadt: Willst du auch sie wegraffen und nicht doch dem Ort vergeben wegen der fünfzig Gerechten dort?

25  Das kannst du doch nicht tun, die Gerechten zusammen mit den Ruchlosen umbringen. Dann ginge es ja dem Gerechten genauso wie dem Ruchlosen. Das kannst du doch nicht tun. Sollte sich der Richter über die ganze Erde nicht an das Recht halten?‘

 

Wenn Abraham sich schon für dritte Personen, welche er vielleicht noch nicht einmal kennt und die ihnen also auch nicht anvertraut sind, so ins Zeug legt, dann hätte man eigentlich erwarten müssen, dass er erst recht dagegen Widerspruch erhebt, wenn nun sein eigener und einziger Sohn geopfert werden soll. Auch dann, wenn wir unterstellen würden, Abraham würde seine eigenen Interessen hinter dem Willen Gottes völlig zurückstellen, Isaak war ihm auf jeden Fall vertraut, für ihn hätte er auf jeden Fall dafür kämpfen müssen, dass ihm kein Unrecht geschehe.

 

Menschen vorsätzlich zu töten, ohne dass man angegriffen wird, ist in keinem Falle erwünscht, noch nicht einmal zur Verherrlichung Gottes. Es ist in Wirklichkeit auch nicht Gott, der solche Opfer wünscht, sondern es waren die Menschen, welche zur Zeit Abrahams das Bedürfnis hatten, sich Gott dadurch gefällig zu erweisen, dass man ihm das Teuerste opfert, über das man verfügt, und das Teuerste eines Menschen ist nun einmal das eigene Kind. Die Menschen waren es, welche der Überzeugung waren, dass man Gott (die Götter) nur dadurch milde stimmen könne, dass man ihnen Menschenopfer darbringe.

 

 

4. Will Gott Abraham wirklich auf die Probe stellen?

 

Die Bibelforscher sind sich wohl darin einig, dass Gott keinesfalls die Absicht hatte, dass Abraham seinen einzigen Sohn dem Herrn als Brandopfer darbringen sollte. Aber welche Absicht verfolgte dann Gott mit der Aufforderung an Abraham, seinen Sohn zu opfern? Es entspricht der offiziellen Lehre sowie der Mehrheit der Bibelexegeten, dass Gott mit dieser Aufforderung Abraham versuchen wollte, dass er prüfen wollte, ob Abraham tatsächlich hundertprozentig Gott treu sei und auf immer seinen Weisungen folgen wolle und deshalb auch würdig sei, der Stammvater des Volkes Gottes zu werden.

 

Diese Interpretation liegt nahe, da ja auch der Text die Geschichte um die angebliche Opferung Isaaks mit diesen Worten beginnt. Im Buch Genesis Kapitel 22,1-2 heißt es:

 

1  ‚Nach diesen Ereignissen stellte Gott Abraham auf die Probe. Er sprach zu ihm: Abraham! Er antwortete: Hier bin ich.

2  Gott sprach: Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, Isaak, geh in das Land Morija und bring ihn dort auf einem der Berge, den ich dir nenne, als Brandopfer dar.‘

 

Trotzdem muss auch hier wiederum festgestellt werden, dass auch ein solches Verhalten Gottes mit zahlreichen anderen Auskünften der Heiligen Schrift in Widerspruch gerät.

 

Als erstes dürfte ein solches Verlangen mit der Überzeugung in Widerspruch geraten, dass Jahwe, der Gott Abrahams, als gerecht und gütig angesehen wird. Ein gerechter und schon gar ein gütiger Gott erhebt keine solche Forderung, welche Abraham tiefstes Leid verursachen muss und welche einen unschuldigen jungen Mann töten lässt.

 

Solche Proben kennen wir nur von Diktatoren, die bisweilen den Befehl gaben, einen Untergebenen zum Tode zu verurteilen, die Verurteilten dann zum Richtplatz führen ließ und ein Schießkommando auf den Verurteilten anlegen ließ, wobei aber in Wirklichkeit nur Platzpatronen zur Verwendung kamen, sodass diese Verurteilten schließlich mit dem Schrecken davon kamen. Auch dann, wenn hier die Tötung nur vorgespielt wurde und die Betroffenen nicht getötet wurden, wird ein solches Vorgehen mit Recht als brutal und abscheulich ganz allgemein verurteilt. Es ist schwer denkbar, ein solches Verhalten Gott zu unterstellen.

 

Zweitens steht ein solches Vorhaben mit der Überzeugung in Widerspruch, dass Gott allwissend ist. Danach kann Gott in die Herzen der Menschen schauen und kein Mensch kann seine inneren Absichten vor Gott verbergen. Wenn dem aber so ist, bedarf Gott gar nicht einer Überprüfung Abrahams, ob dieser wirklich Gott die Treue halten will oder nur nach Außen Gott gegenüber vorgibt, ihm folgen zu wollen. Im Übrigen wird Abraham in der Heiligen Schrift als eine Persönlichkeit beschrieben, der sich fast als einziger an die Gebote Gottes gehalten hat, sodass sich sicherlich herumgesprochen hatte, dass Abraham wirklich Gott die Treue hält und dass eine weitere Überprüfung sicherlich auch dann nicht notwendig wäre, wenn wir nicht davon ausgehen könnten, dass Gott allwissend ist.

 

Lassen wir einmal kurz außer Acht, dass Gott aufgrund seiner Allwissenheit gar nicht der Überprüfung Abrahams bedarf. Selbst in diesem Falle wird man drittens einräumen müssen, dass eine Überprüfung Abrahams nicht erst in diesem späten Zeitpunkt erfolgen dürfte. Wenn es Gott wirklich notwendig hätte, Abraham zunächst auf seine Gesinnung hin zu überprüfen, bevor er ihn zum Stammvater seines Volkes werden ließ, dann würde doch diese Probe sehr viel früher notwendig und erwünscht gewesen sein.

 

Eine solche Probe wäre in diesem Falle (ohne Allwissenheit Gottes) eigentlich angebracht gewesen, bevor Gott mit Abraham einen Bund geschlossen hatte. In der Tat hat ein solcher Bund nur dann einen Sinn und wird nur dann die Pläne Gottes verwirklichen, wenn vor Abschluss dieses Bündnisses tatsächlich von Abraham erwartet werden kann, dass er auch Gott die Treue halten wird.

 

Nachdem dieses Bündnis einmal geschlossen wurde und – wie wir gesehen haben – mehrfach ( und zwar dreifach) erneuert worden war, ist eigentlich eine solche Probe in diesem Zeitpunkt, in dem an Abraham der Befehl erging, seinen Sohn zu opfern, nutzlos. Auf der einen Seite hatte ja offensichtlich Abraham bereits wiederholt unter Beweis gestellt, dass er Gott die Treue hält, sonst hätte Gott ja sicherlich den Bund nicht mehrmals bestätigt. Auf der anderen Seite waren ja schon in diesem Zeitpunkt (der Aufforderung nach Opferung des Isaak) die eigentlichen Weichen, um Abraham zum Stammvater eines Volkes zu machen, durch die Geburt Isaaks gestellt.

 

Dieses Bündnis nun wiederum in Frage zu stellen, wäre eigentlich nur dann sinnvoll gewesen, wenn sich Abraham in der Zwischenzeit eines größeren Vergehens schuldig gemacht hätte, aufgrund dessen Gott hätte bezweifeln müssen, ob Abraham tatsächlich der geeignete Stammvater für das Volk Gottes noch sein könne. Von einer solchen Untreue Abrahams Gott gegenüber ist jedoch im Buch Genesis keine Rede.

 

Natürlich ist auch Abraham kein Unschuldslamm. In Kapitel 12 der Genesis erfahren wir z. B. davon, dass Abraham bei seiner Reise nach Ägypten seine Frau auffordert, sich als seine Schwester auszugeben:

 

10 ‚Als über das Land eine Hungersnot kam, zog Abram nach Ägypten hinab, um dort zu bleiben; denn die Hungersnot lastete schwer auf dem Land.

11  Als er sich Ägypten näherte, sagte er zu seiner Frau Sarai: Ich weiß, du bist eine schöne Frau.

12  Wenn dich die Ägypter sehen, werden sie sagen: Das ist seine Frau!, und sie werden mich erschlagen, dich aber am Leben lassen.

13  Sag doch, du seiest meine Schwester, damit es mir deinetwegen gut geht und ich um deinetwillen am Leben bleibe.

14  Als Abram nach Ägypten kam, sahen die Ägypter, dass die Frau sehr schön war.

15  Die Beamten des Pharao sahen sie und rühmten sie vor dem Pharao. Da holte man die Frau in den Palast des Pharao.

16 Er behandelte Abram ihretwegen gut: Abram bekam Schafe und Ziegen, Rinder und Esel, Knechte und Mägde, Eselinnen und Kamele.

17  Als aber der Herr wegen Sarai, der Frau Abrams, den Pharao und sein Haus mit schweren Plagen schlug,

18  ließ der Pharao Abram rufen und sagte: Was hast du mir da angetan? Warum hast du mir nicht gesagt, dass sie deine Frau ist?

19 Warum hast du behauptet, sie sei deine Schwester, sodass ich sie mir zur Frau nahm? Nun, da hast du deine Frau wieder, nimm sie und geh!

20  Dann ordnete der Pharao seinetwegen Leute ab, die ihn, seine Frau und alles, was ihm gehörte, fortgeleiten sollten.‘

 

Abraham fürchtete danach – wohl mit Recht – um sein Leben und griff deshalb zu einer Notlüge. Er hat zwar hier nicht dem Wahrheitsgebot entsprochen, es geschah jedoch nur deshalb, um sich am Leben zu erhalten. Und da Gott nach diesem Geschehen den Bund mit Abraham erneuerte, können wir auch davon ausgehen, dass Jahwe nach wie vor von Abrahams Treue überzeugt war.

 

 

5. Ein alternativer Erklärungsansatz

 

Unsere bisherigen Überlegungen haben gezeigt, dass sowohl die Annahme, Gott habe die Opferung Isaaks beabsichtigt als auch die weitere Annahme, Gott wollte auf diese Weise Abraham prüfen, nur schwer vereinbar ist mit der Überzeugung, dass Gott gerecht und gütig ist. Trotzdem kommen wir nicht damit herum, dass die entsprechende Textstelle im Buch Genesis mit dem Hinweis beginnt, dass der Herr Abraham mit dieser Weisung prüfen wolle, ob er sich wirklich zu Gott bekennt.

 

Auch die Annahme, dass diese Stelle unter Umständen bei der Übersetzung in das Griechische und später ins Deutsche falsch interpretiert wurde und dass der hebräische Urtext gar nicht von einer Probe gesprochen hatte, dürfte nicht zutreffen. Es ist zwar richtig, dass die Bedeutung der griechischen bzw. deutschen Worte stark von der Bedeutung hebräischer Worte abweicht, sodass in der Tat bisweilen gravierende und entstellende Fehler bei der Übersetzung des Alten Testamentes ins Griechische bzw. ins Deutsche begangen wurden. Aber das Wort ‚Prüfung‘ findet sich auch in der Übersetzung des Alten Testamentes ins Deutsche, welche der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber vorgenommen hatte. Und Buber hatte sich stets darum bemüht, den Sinn der hebräischen Quelle – soweit wie immer möglich – zu erhalten.

 

Ein alternativer Erklärungsansatz könnte jedoch davon ausgehen, dass auch dann, wenn in der Heiligen Schrift davon gesprochen wird, dass Gott Abraham einen solchen Befehl erteilt hat, nicht immer davon ausgegangen werden kann, dass diese Weisung Gottes von demjenigen, der diesen Befehl erhielt, auch richtig verstanden wurde. Wir müssen ja berücksichtigen, dass Gott im Allgemeinen den Menschen seine Weisungen nicht in einer Urkunde schriftlich und deshalb eindeutig und unmissverständlich niederlegt, sondern sich stets durch Vermittlung einzelner Menschen in einer Vision offenbart.

 

Die Heilige Schrift ist nun voll von Hinweisen, dass die Menschen stets sehr unvollkommen sind, nicht nur im Hinblick auf ihre moralischen Werte, sondern auch im Hinblick auf ihre Fähigkeiten und Veranlagungen. Und zwar gilt diese Aussage nicht nur für die einfachen Menschen, sondern gerade auch für die Menschen, welche Gott ausgewählt hat. Moses hatte einen Ägypter erschlagen, David beging mit der Frau des Hethiters Ehebruch und ließ den Hethiter anschließend ermorden, Salomon duldete in Jerusalem die Verehrung von Götzen und Petrus verriet Jesus im Vorhof des Hohepriesters.

 

Wenn dem aber so ist, dann müssen wir stets damit rechnen, dass die Botschaften Gottes bisweilen von den Menschen missverstanden werden können. In diesem Falle beginnt dann die hier zu behandelnde Erzählung nicht unbedingt damit, dass der Herr Abraham befahl, seinen Sohn als Brandopfer darzubringen, sondern dass es Abraham war, der von der Überzeugung ausging, Gott habe ihn aufgefordert, seinen Sohn zu opfern. Es muss aber mit der Möglichkeit gerechnet werden, dass Abraham die Weisung Gottes falsch verstanden hatte, dass in Wirklichkeit Gott diesen Befehl gar nicht gegeben hatte.

 

Ein solches Missverständnis könnte vor allem darin begründet sein, dass entsprechend den heidnischen Religionen zur Zeit Abrahams und in der Umgebung seiner Wohnstätte die Götter für die Naturkatastrophen verantwortlich seien, dass die Götter diese Naturkatastrophen den Menschen schickten, um diese für ihre Vergehen zu bestrafen und dass man diese Götter nur dadurch besänftigen und von diesen Strafmaßnahmen abhalten könne, wenn man ihnen das Teuerste, das man besitzt, opfere. Das Teuerste sind aber sicherlich die eigenen Kinder, vor allem der eigene Sohn als Stammhalter der Familie.

 

Abraham hatte zwar diesen Göttern abgeschworen und verehrte Jahwe als einzigen Gott, aber sein Vater erkannte immer noch mehrere Götter an und deshalb war Abraham als Kind sicherlich zunächst auch in diesem Götterglauben erzogen worden. Es kann durchaus mit der Möglichkeit gerechnet werden, dass Abraham zunächst von der Vorstellung ausging, dass auch Jahwe solche Menschenopfer verlange. Und die hier zur Diskussion stehende Erzählung will dann zeigen, dass Jahwe gerade nicht Menschenopfer wünsche und sich in diesem Punkte von den anderen, den heidnischen Religionen unterscheidet.

 

Diese Interpretation liegt nun vor allem deshalb nahe, weil die Erzählung um die angebliche Opferung Isaaks zwei verschiedene Gottesbegriffe gebraucht. Zunächst ist es Elohim, der Abraham auffordert, seinen Sohn zu nehmen und als Brandopfer dazu bringen. Später hingegen, als der Engel Gottes ihn davon abgehalten hatte, seinen Sohn abzuschlachten und er statt dessen einen Widder sah, den er dann opfern konnte, gab Abraham dem Ort dieses Geschehens den Namen Jahwe-Jire (der Herr sieht). Hier wird also Jahwe als Name Gottes erwähnt.

 

Nun wird die Tatsache, dass im Alten Testament verschiedene Bezeichnungen für den Namen Gottes aufgeführt werden, zumeist damit erklärt, dass die Texte des Alten Testamentes, vor allem der vier Schriften Moses, so wie sie uns überliefert sind und wie wir sie kennen, aus mehreren Quellen zusammengesetzt sind. Im Vorwort zu der Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift. Von 1999 heißt es:

 

‚Man pflegt heute drei Hauptschichten zu unterscheiden, die sich über die vier ersten Bücher erstrecken: 1. Die jahwistische (J), erkennbar an der Vorliebe für den Gottesnamen Jahwe; sie wurde um 900 v. Chr. als Werk eines großen Geschichtsschreibers und Theologen niedergeschrieben.

 

2. Die elohistische Schicht (E), so genannt wegen der Vorliebe für den Gottesnamen Elohim (= Gott); sie wurde um 720 v. Chr. niedergeschrieben. 3. Die Priesterschrift (P); sie wurde im Babylonischen Exil um 550 v. Chr. von Priestern niedergeschrieben, die besonders an gottesdienstlichen Ordnungen interessiert waren. Die Zuweisung der einzelnen Texte an die drei Schichten ist aber nicht unumstritten. Dazu kommt als ein eigener Überlieferungskomplex das Deuteronomium.

 

In diese drei bzw. vier Schichten haben die Verfasser Überlieferungen eingearbeitet, die ihrerseits auf mündlich umlaufende oder schriftlich vorliegende Traditionen verschiedenen Alters zurückgingen: Erzählungen über Personen und Ereignisse, die für das Werden und die Geschichte Israels wichtig waren; Lieder; Stammbäume; Listen von Orten; Sammlungen von Gesetzen verschiedenen Inhalts.

 

Die spätere Tradition hat die früheren Überlieferungen bearbeitet, vor allem später notwendige gesetzliche Regelungen in das überkommene Bundesgesetz eingearbeitet. Schließlich hat ein letzter Bearbeiter (Redaktor, abgekürzt R) die ganze ihm vorliegende mündliche und schriftliche Tradition zusammengefasst und unserem Pentateuch die heutige Gestalt verliehen. Damit wollte er seinem Volk nach der Katastrophe des Babylonischen Exils (586–538 v. Chr.) zeigen, wie Gott im Lauf der Geschichte an der Menschheit und besonders an seinem Volk Israel gehandelt hat, und diesem Volk eine feste Lebensordnung geben.‘

 

Allerdings kann dieser Hinweis auf mehrere Quellen der Bücher Moses nicht überzeugend belegen, dass hier in dieser Erzählung über die Opferung Isaaks zwei verschiedene Namen für Gott, den Herrn, gebraucht werden, es ist unwahrscheinlich, dass eine solche kurze und in sich geschlossene Erzählung zwei verschiedene Namen für Gott gebrauchen wird, wenn stets von dem einen und einzigen Gott Abrahams berichtet werden soll. 

 

Von Bedeutung ist vielmehr, dass der Name Jahwe immer nur dann angesprochen wird, wenn man sich auf den einzigen Gott Abrahams bezieht, während Elohim auch ein Gattungsbegriff darstellt, der auch dann angewandt wird, wenn man sich auf die heidnischen Götter bezieht.

 

Hebt man auf diese Unterscheidung ab, so bleibt unklar, ob mit Elohim, der Abraham den Befehl erteilt, seinen Sohn als Brandopfer darzubringen, der einzige Gott Abrahams, also Jahwe gemeint ist oder ob diese Weisung noch einem heidnischen Gott zugesprochen wird. Wenn es jedoch  Jahwe ist – wie im Allgemeinen unterstellt wird –, der Abraham diesen Befehl erteilt, fragt es sich, warum an dieser Stelle nicht der Name Jahwe Gebrauch findet. Offensichtlich ist ja dem Schreiber dieser Erzählung der Name Jahwe bekannt, am Ende der gleichen Erzählung wird ja zur Benennung dieses Ortes der Name Jahwes ex pressis verbis verwendet.

 

Ist es nicht gerade deshalb naheliegend, wenn in dieser kurzen geschlossenen Erzählung zweierlei Namen verwandt werden, dass auch Unterschiedliches unter diesen beiden Namen verstanden werden soll? Und da der Name Jahwe immer nur Gebrauch findet, wenn es sich um den einzigen Gott handelt, dem Abraham folgt, so könnte sehr wohl mit der Bezeichnung Elohim zu Beginn dieser Erzählung angedeutet werden, dass diese Weisung wie schon immer von den heidnischen Göttern ausgesprochen wurde.

 

Zumindest bleibt es unklar, ob tatsächlich Jahwe diese Weisung erteilt hat oder ob diese Weisung von den Göttern ausging, welche z. B. auch Abrahams Vater noch verehrt hatte. Abraham könnte also dann auch von der Erwartung ausgegangen sein, dass ein Menschenopfer ganz allgemein von göttlichen Wesen gefordert wird, wobei noch nicht klar unterschieden wird, ob nun diese Weisung auch von Jahwe ausgegangen ist.

 

Die Verwendung zweier Gottesbegriffe in ein- und derselben Erzählung macht also dann auf das Spannungsverhältnis zwischen den bisherigen heidnischen Göttern und dem neuen einzigen Gott Jahwe aufmerksam. Und Jahwe hebt sich gerade auch in der Frage, inwieweit denn der einzige Gott überhaupt Menschenopfer wünscht, von den andern Göttern ab.

 

Hauptgegenstand dieser Erzählung ist dann gerade nicht die Tatsache, dass Gott Abraham auffordert, seinen geliebten einzigen Sohn zu opfern. Auch ist in diesem Falle nicht Hauptgegenstand dieser Erzählung, dass Gott zwar kein Menschenopfer wünscht, wohl aber trotzdem von Abraham verlangt, seinen Sohn zu opfern, um auf diese Weise seine Treue zu Gott zu überprüfen.

 

Vielmehr soll entsprechend dieser alternativen Interpretation diese Erzählung die Botschaft verkünden, dass Jahwe ganz anders ist als die heidnischen Götter und dieses Anderssein schlägt sich dann auch darin nieder, dass der Gott der Juden und Christen eben gerade keine Menschenopfer wünscht. Menschenopfer sind dann auch dann unerwünscht, wenn sie zu Ehren Gottes erfolgen. Gott hat den Menschen erschaffen nicht etwa, dass er ihm als Opfer gebracht werde. Und wenn wir uns an den Bericht über die Erschlagung Abels durch Kain vor Augen führen, wurde gezeigt, dass Gott in jeder Tötung von Menschen ein Unrecht sieht und dies gilt sogar für den Fall, dass die Menschen andere Menschen Gott als Brandopfer darbringen.

 

Es ist zwar verständlich: Diejenigen, welche diese Erzählung von der Opferung Isaaks niedergeschrieben haben und der festen Überzeugung waren, dass Jahwe nicht wirklich ein Menschenopfer verlangen kann, suchten nach einer Erklärung, warum dann Gott trotzdem Abraham zunächst zu diesem Opfer aufforderte. Sie sahen nur darin eine plausible Erklärung für diese Aufforderung Gottes an Abraham, dass Gott eben Abraham auf diese Weise auf die Probe stellen wollte. Es könnte aber dann durchaus sein, dass dies eben nur die Meinung desjenigen war, der diese Erzählung niederschrieb, da diese Erklärung diese Aufforderung als plausibel erscheinen ließ.

 

 

6. Die eigentliche Botschaft dieser Erzählung

 

Der Bericht über die Opferung Isaaks enthält jedoch noch nicht die ganze Wahrheit über die Frage, inwieweit Menschen Leben willkürlich vernichten dürfen. In der biblischen Erzählung über diesen Vorgang opfert Abraham einen Widder, es hat hier den Anschein, als ob es nicht jedes Leben, sondern eben nur das menschliche Leben zu schützen gilt, als ob es sehr wohl erwünscht sei, dass die Menschen Tiere Gott zum Opfer bringen.

 

Später erfahren wir dann z. B. in der Schrift des Propheten Amos, dass Gott auch Tieropfer für unerwünscht hält, dass es also offenbar um den Schutz jedes Lebens geht, schließlich hat Gott nicht nur den Menschen, sondern auch die tierischen Lebewesen erschaffen, auch deren Leben sollte nicht willkürlich ausgelöscht werden, auch nicht zur Ehre Gottes. Bei Amos, Kapitel 5, 20-25 heißt es z. B.:

 

21 ‚Ich hasse eure Feste, ich verabscheue sie und kann eure Feiern nicht riechen.

22  Wenn ihr mir Brandopfer darbringt, ich habe kein Gefallen an euren Gaben und eure fetten Heilsopfer will ich nicht sehen.

23  Weg mit dem Lärm deiner Lieder! Dein Harfenspiel will ich nicht hören,

24  sondern das Recht ströme wie Wasser, die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.

25  Habt ihr mir etwa Schlachtopfer und Gaben dargebracht während der vierzig Jahre in der Wüste, ihr vom Haus Israel?‘

 

Folgt man Amos, dann äußert sich die Liebe und Achtung zu Gott nicht in erster Linie darin, dass die Menschen Gott von ihren Früchten opfern. Gott benötigt keine Opfer. Vielmehr will Gott allein, dass wir die Mitmenschen achten, ihnen keinen Schaden zufügen, Gerechtigkeit walten lassen. Die Liebe zu Gott äußert sich dann gerade darin, dass die Menschen einander achten und – wenn sie in Not geraten sind – helfen.

 

Noch deutlicher findet sich diese Deutung des von Gott verlangten Opfers an mehreren Stellen im Neuen Testament. Wir erfahren z. B. im Markusevangelium Kapitel 12 Vers 28-33, als Jesus von einem Schriftgelehrten nach dem höchsten Gebot gefragt wird, dass die aufopfernde Nächstenliebe an unseren Mitmenschen weit mehr gilt als ein Gott geweihtes Brandopfer.

 

28 ‚Ein Schriftgelehrter hatte ihrem Streit zugehört; und da er bemerkt hatte, wie treffend Jesus ihnen antwortete, ging er zu ihm hin und fragte ihn: Welches Gebot ist das erste von allen?

29 Jesus antwortete: Das erste ist: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr.

30 Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft.

31 Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden.

32 Da sagte der Schriftgelehrte zu ihm: Sehr gut, Meister! Ganz richtig hast du gesagt: Er allein ist der Herr, und es gibt keinen anderen außer ihm,

33 und ihn mit ganzem Herzen, ganzem Verstand und ganzer Kraft zu lieben und den Nächsten zu lieben wie sich selbst, ist weit mehr als alle Brandopfer und anderen Opfer.‘

 

Hier lässt Markus den Schriftgelehrten antworten, dass Nächstenliebe weit mehr sei als alle Brandopfer und auch alle anderen Opfer.

 

Dieser Gedanke, dass Gott sich das Interesse der Mitmenschen zu eigen macht, kommt dann schließlich deutlich zum Ausdruck, wenn Jesus über das Weltgericht berichtet. Im Matthäusevangelium in Kapitel 25,31-46 sagt Jesus:

 

31 ‚Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt und alle Engel mit ihm, dann wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen.

32  Und alle Völker werden vor ihm zusammengerufen werden und er wird sie voneinander scheiden, wie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet.

33  Er wird die Schafe zu seiner Rechten versammeln, die Böcke aber zur Linken.

34  Dann wird der König denen auf der rechten Seite sagen: Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, nehmt das Reich in Besitz, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist.

35  Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen;

36  ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen.

37  Dann werden ihm die Gerechten antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben, oder durstig und dir zu trinken gegeben? 

38  Und wann haben wir dich fremd und obdachlos gesehen und aufgenommen, oder nackt und dir Kleidung gegeben?

39  Und wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen?

40  Darauf wird der König ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.

41  Dann wird er sich auch an die auf der linken Seite wenden und zu ihnen sagen: Weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist! 

42  Denn ich war hungrig und ihr habt mir nichts zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben;

43  ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich nicht aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir keine Kleidung gegeben; ich war krank und im Gefängnis und ihr habt mich nicht besucht.

44  Dann werden auch sie antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig oder obdachlos oder nackt oder krank oder im Gefängnis gesehen und haben dir nicht geholfen?

45  Darauf wird er ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan.

46  Und sie werden weggehen und die ewige Strafe erhalten, die Gerechten aber das ewige Leben.‘

 

Deutlicher kann nicht gesagt werden, dass Gott die Achtung, die wir ihm entgegenbringen, nicht an den Brandopfern oder an anderen Opfern misst, sondern daran, was wir den Mitmenschen angetan haben. Gott behandelt die Nächstenliebe, die wir unseren notleidenden Mitmenschen entgegenbringen, wie wenn sie Gott gegenüber entgegengebracht worden wäre.

 

Das Wort ‚opfern‘ erhält damit einen ganz anderen Sinn. Zunächst hatte es den Anschein, als müssten die Opfer, die wir Gott darbringen, Gott allein geweiht werden, so dass sie wie z. B. das Brandopfer verbrannt werden und damit nicht mehr den Menschen nützen können. Aber warum sollte Gott knappe Ressourcen, die zur Erhaltung der Menschen notwendig sind, als Brandopfer wieder einfordern?

 

Nein, das Opfer, das verlangt wird, bleibt zwar ein Opfer, in dem Sinne, dass wir selbst auf materielle Güter, die wir erworben haben, verzichten sollen. Wir sollen aber nicht in dem Sinne auf diese Güter verzichten, dass wir sie Gott allein zuwenden, dass sie für uns Menschen ganz allgemein, nicht nur für diejenigen, welche dieses Opfer bringen, sondern eben auch für alle anderen Menschen nicht mehr zur Verfügung stehen. Gott will vielmehr, dass unser Opfer anderen Menschen, denen es nicht so gut geht wie uns, die vielmehr Not leiden, zugute kommt.

 

Und damit ist die Botschaft, die im Zusammenhang mit dem Bericht über die Opferung Abrahams erstmals angesprochen wurde, dass Gott nämlich keine Menschenopfer wünscht, zu Ende gebracht. Das gesamte hier angesprochene Thema ist das Opfer ganz allgemein und dieses Opfer bringen wir für diejenigen, welche in Not geraten sind, der Verzicht auf Menschenopfer war nur der erste Schritt dieser sehr weiter reichenden Botschaft. Und wenn wir diesem Gebote zufolge die Nächsten achten und ihnen in Not helfen, dann und gerade dann erfüllen wir zugleich auch das Gebot der Gottesliebe.