Gliederung der Vorlesung:

 

01. Gegenstand und Aufgaben

02. Währungspolitik: Historische Einführung

03. Währungspolitik: Theoretische Grundlagen

04. Währungspolitik: Das Instrumentarium

05. Währungspolitik: Die policy-mix-Strategie

06. Handelspolitik: Historische Einführung

07. Handelspolitik: Theoretische Grundlagen

08. Handelspolitik: Das handelspolitische Instrumentarium

09. Arbeitsmarktpolitik

10. Kapitalmarktpolitik

11. Integrationspolitik 

12. Politik  zugunsten der Entwicklungsländer

 

 

Kapitel 11: Integrationspolitik  Teil III

 

 

 

Gliederung:

 

01. Einführung: Verschiedene Integrationsstufen

02. Vorstufen

03. Der Schumanplan

04. Die Bildung der EWG

05. Ausbau der EWG

06. Schritte auf eine Währungsunion

07. Der Binnenmarkt

08. handelsablenkende und handelsschaffende Effekte

09. Komplementarität und Wohlfahrtssteigerung

10. Kritik an der Theorie von Viner

11. Freihandelszone versus Zollunion

12. Freizügigkeit

13. Die Harmonisierungsdebatte

14. Die Währungsunion

15. Die europäische Schuldenkrise

 

 

 

15. Die europäische Schuldenkrise

 

Als im Jahre 2010 die Europäische Union beschloss, Griechenland eine staatliche Kredithilfe zu gewähren und damit diesem Land zu helfen, aus der griechischen Schuldenkrise herauszufinden, gingen viele von der Überzeugung aus, dass eine solche Hilfe eine Ausnahme darstelle und nur ganz wenigen Ländern gewährt werden müsse. In der Zwischenzeit sah sich eine ganze Reihe von Ländern und zwar Portugal, Spanien, Irland und Zypern gezwungen, ebenfalls solche finanziellen Hilfen der Europäischen Gemeinschaft zur Überwindung ihrer Schuldenkrise zu beantragen, weitere Länder wie vor allem Slowenien und sogar Italien stehen vor einer ähnlich schwerwiegenden Krise, sodass der Traum einer Ausnahmeregelung bei diesen Finanzspritzen wohl endgültig begraben werden muss, manche befürchten sogar, dass die Eurozone als solche an dieser Krise dem Untergang geweiht sei.

 

In der Öffentlichkeit werden in diesem Zusammenhang vor allem zwei Fragenkomplexe diskutiert: Ist es erstens überhaupt erwünscht, den verschuldeten Staaten von Seiten der Europäischen Gemeinschaft finanzielle Hilfen zu gewähren und zweitens welche Arten von Maßnahmen sind – wenn man bereit ist zu helfen –, geeignet, diese Krise zu überwinden?

 

Im Hinblick auf die erste Frage nach der Erwünschtheit einer europäischen Hilfe möchte ich mich kurz fassen. Fragen der Bewertung beabsichtigter politischer Maßnahmen lassen sich wissenschaftlich weder endgültig beweisen noch widerlegen.

 

Es ist beabsichtigt, mit diesem Artikel lediglich einige grundlegende Zusammenhänge zu analysieren, der rechtliche Rahmen dieser Maßnahmenpakete (die Ausgestaltung des Rettungsschirms, des Europäischen Finanzstabilisierungsmechanismus“ (EFSM), der Europäischen Finanzstabilisierungsfazilität (EFSF) sowie des Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) und des Europäischen Fiskalpaktes) sollen hier an dieser Stelle bewusst ausgeklammert werden.

 

Beginnen wir also mit der Frage, ob es überhaupt erwünscht ist, den verschuldeten Ländern eine gemeinsame europäische Hilfe in Form von Finanzmaßnahmen zu gewähren. In der öffentlichen Diskussion werden von den Gegnern einer solchen Finanzhilfe vor allem zwei Argumente vorgetragen. Finanzielle Hilfen seien erstens unerwünscht, da die verschuldeten Länder, allen voran Griechenland, das erste Land, welches diese Hilfe beantragt hatte, bei der Aufnahme in die Eurozone gar nicht die Voraussetzungen erfüllt haben, welche für einen möglichen Beitritt vorgeschrieben waren. Zweitens schließe der Vertrag über die Eurozone ex pressis verbis eine finanzielle Unterstützung verschuldeter Staaten aus. So heißt es in Artikel 123 des Vertrages über die Arbeitsweise der Europäischen Union:

 

‚(1) Überziehungs- oder andere Kreditfazilitäten bei der Europäischen Zentralbank oder den Zentralbanken der Mitgliedstaaten (im Folgenden als "nationale Zentralbanken" bezeichnet) für Organe, Einrichtungen oder sonstige Stellen der Union, Zentralregierungen, regionale oder lokale Gebietskörperschaften oder andere öffentlich-rechtliche Körperschaften, sonstige Einrichtungen des öffentlichen Rechts oder öffentliche Unternehmen der Mitgliedstaaten sind ebenso verboten wie der unmittelbare Erwerb von Schuldtiteln von diesen durch die Europäische Zentralbank oder die nationalen Zentralbanken.‘

 

Betrachten wir zunächst das erste Argument. Der Vorwurf, Griechenland habe wissentlich betrogen und eine geringere Verschuldung den europäischen Behörden gemeldet, ist – nach allem was wir wissen – richtig. Auch kann vermutet werden, dass Griechenland wiederholt seine Angaben zu den weiteren Budgetdefiziten geschönt hat.

 

Wenn man also auch durchaus zugeben muss, dass dieser erste Vorwurf vermutlich richtig ist, sollte man die Bedeutung dieses Vorwurfes nicht überschätzen. Erstens haben die europäischen Behörden die Angaben der nationalen Regierungen offensichtlich nicht eingehend genug geprüft. Es war zu der damaligen Zeit weitgehend bekannt, dass es sowohl um die Finanzen des griechischen Staates wie auch um die Wettbewerbsfähigkeit der gesamten griechischen Wirtschaft nicht besonders gut stand.

 

Zweitens hat der Europäische Ministerrat wiederholt darauf verzichtet, bei Übertreten dieser Grenzen den jeweiligen Schuldnerländern die Strafen zu verhängen, welche der Europäische Vertrag vorsieht, drittens sind es nicht die gleichen Politiker, welche diese Übertretungen vorgenommen haben und die anderen Politiker, welche nun die ‚Suppe auszulöffeln‘ haben, viertens schließlich hat die eigentlichen Belastungen, welche der griechischen Volkswirtschaft im Zusammenhang mit einer Sanierung zufallen, immer die Bevölkerung zu tragen, welche sicherlich für diese Verfehlungen nicht verantwortlich gemacht werden kann.

 

Wie steht es nun um den zweiten Vorwurf, dass der Europäische Vertrag zur Bildung der Währungsunion ex pressis verbis ausschließt, verschuldeten Ländern finanzielle Hilfen zu gewähren? Auch hier muss man einräumen, dass in der Tat Artikel 123 dieses Vertrages einen automatischen Finanzausgleich derart ablehnt, wie z. B. das Grundgesetz einen ständigen Finanzausgleich zwischen den Bundesländern der BRD vorsieht.

 

Auch hier war der eigentliche Grund für diesen Passus, der so gar nicht dem sonst propagierten Solidaritätsgedanken der Europäischen Gemeinschaft entsprach, die Sorge, dass aus einer beabsichtigten Stabilitätsgemeinschaft in Wirklichkeit eine Inflationsgemeinschaft entstehe. Wenn die überdurchschnittlichen Schulden stets von den anderen Mitgliedern der Währungszone mitübernommen werden, wird es immer ein, zwei Regierungen geben, welche von dieser Möglichkeit, sich auf Kosten der anderen Länder zu verschulden, Gebrauch machen. Die Tatsache, dass nun die übrigen Länder die Schulden einzelner Länder mittragen müssen, wird mit der Zeit weitere Länder dazu bewegen, diesem Beispiel zu folgen. Je mehr Länder aber dieser Schuldenpolitik folgen, umso größer ist die Belastung der noch übrig bleibenden zahlenden Länder und dies stellt für diese Staaten einen zusätzlichen Anreiz dar, sich ebenfalls zu verschulden. Im Endergebnis entsteht in der Tat aus der ursprünglich angedachten Stabilitätsgemeinschaft eine Inflationsgemeinschaft.

 

Es ist also ganz klar, dass ein automatischer Finanzausgleich im Sinne des Länderausgleiches in der BRD die Stabilität der europäischen Währungsunion aufs äußerste gefährden würde. Nichtsdestotrotz dürften einmalige Hilfen, bei denen sichergestellt wird, dass sich die Länder, die eine Hilfe erhalten, in Zukunft darum bemühen, die Stabilitätskriterien einzuhalten, sicherlich dem Sinn des europäischen Vertrages nicht widersprechen.

 

Bei der Beantwortung der Frage, ob man überhaupt den Schuldnerländern finanziell helfen soll, sollte vor allem bedacht werden, dass eine finanzielle Gesundung dieser Länder auch im eigenen Interesse der nicht verschuldeten Länder liegt. Nur dann, wenn die heutigen Schuldnerländer wirtschaftlich gedeihen und ein hohes Wachstumsniveau erreichen, können wir damit rechnen, die in der eigenen Volkswirtschaft erzeugten Waren auch in diese Länder exportieren zu können. Die BRD zählt zu den Ländern, welche auf den Import von Rohstoffen angewiesen sind und die Devisen für diese Importgüter können nur durch die Exporterlöse in ausländische Volkswirtschaften erwirtschaftet werden.

 

Wenden wir uns nun der Frage zu, auf welchem Wege denn eine Unterstützung der hoch verschuldeten Länder erfolgreich sein wird. Wir werden zunächst die finanziellen Hilfen besprechen, welche die Europäische Union den Schuldnerländer angedeihen lässt, diese Maßnahmen dann zweitens kritisch auf ihren Erfolg hin analysieren, um dann in einem dritten Schritt einige Vorschläge vorzustellen, welche von Seiten der Wirtschaftswissenschaft vorgetragen wurden. Wir interessieren uns in diesem Zusammenhang allerdings nur auf die grundsätzlichen und theoretischen Zusammenhänge und klammern bewusst die Probleme aus, welche sich aus der juristischen Ausformulierung dieser Maßnahmen ergeben.

 

Im Grunde genommen sehen die Maßnahmenpakete der Europäischen Union zur Unterstützung überschuldeter Länder auf der einen Seite finanzielle Hilfen seitens der Länder der europäischen Währungsunion vor, auf der anderen Seite übernehmen die Schuldnerländer gewisse Verpflichtungen, welche zur Gesundung der Finanzen dieser Länder notwendig erscheinen.

 

Wenden wir uns zunächst dem Angebot seitens der Europäischen Union zu. Dieses Angebot sieht in erster Linie eine finanzielle Unterstützung vor, in dem den überschuldeten Ländern, welche eine Hilfe beantragt haben, Kredite zu besonders günstigen Bedingungen gewährt werden. Diese besonders günstigen Bedingungen bestehen darin, dass diese Länder oftmals überhaupt keine Staatsanleihen mehr an den normalen Kapitalmärkten auslegen könnten, da die Ratingagenturen in der Zwischenzeit die Staatsanleihen mit der schlechtesten Note (Ramsch) bewertet haben.

 

Aber selbst dann, wenn der überschuldete Staat noch in der Lage wäre, eigene Anleihen auf dem Kapitalmarkt auszulegen, könnten diese nur zu extrem hohen Zinsen ausgegeben werden, die von diesen Staaten nicht mehr gezahlt werden können. Die Hilfen seitens der Europäischen Gemeinschaft werden zu einem niedrigeren, als sonst zu erwarteten Zinssatz gewährt und auch die Rückzahlungsbedingungen dürften im Allgemeinen günstiger ausfallen als dann, wenn sich der überschuldete Staat auf den normalen Kapitalmärkten die Finanzierungsmittel besorgen würde.

 

Hierbei werden diese Hilfen über den normalen Kapitalmarkt so abgewickelt, dass die einzelnen Geberländer eine Bürgschaft für diese Kreditsummen übernehmen. Dies bedeutet, dass immer dann, wenn die Schuldnerländer in der Zukunft nicht in der Lage sein sollten, ihre Schulden zurückzuzahlen, die Geberländer für diese Beträge aufkommen müssten, was natürlich bedeutet, dass die Geberländer in diesem Umfang diese Kredite dann aus dem eigenen Steueraufkommen aufbringen müssen.

 

Zusätzlich gewährt auch der IWF sowie die Europäische Notenbank eine finanzielle Unterstützung, letztere insofern, als sie bereit ist, Banken Kredite auch dann zu gewähren, wenn diese durch eben diese maroden Staatsanleihen abgesichert sind. Diese Praxis widerspricht allerdings ausdrücklich den letztlichen Grundsätzen einer soliden Notenbankpolitik, wonach nur besonders sichere (mündelsichere) Wertpapiere zur Absicherung der Notenbankkredite an die Privatbanken bei der Notenbank hinterlegt werden dürfen.

 

Eine solche Notenbankpolitik kann die europäischen Volkswirtschaften auf zweierlei Weise belasten. Wenn nämlich aufgrund dieser Kredite die Geldsumme (Geldmenge mal Umlaufsgeschwindigkeit) größer ist als das gesamte Handelsvolumen und wenn damit die Güternachfrage das Güterangebot übersteigt, kommt es zur Inflation, welche fast immer zu höchst unerwünschten Verteilungseffekten führt. Wenn die Staatsanleihen z. B. wegen Konkurs bestimmter Banken nicht mehr zurückgenommen werden können, verringert sich zusätzlich der Gewinn der nationalen Notenbanken; da die Gewinne wie z. B. in der BRD zum größten Teil an den Staat abgeführt werden, bedeutet dies, dass die Einnahmen des Staates zurückgehen und dass somit wiederum letztendlich der Steuerzahler bzw. der potenzielle Empfänger der Staatsausgaben belastet wird.

 

Befassen wir uns nun mit den Verpflichtungen des Schuldnerlandes. Dieses hat einen Plan vorzulegen, aus dem hervorgeht, auf welchem Wege das Schuldnerland seine Schulden zurückzahlen will und gleichzeitig das Defizit im Staatshaushalt unter die 3% Marke reduzieren kann. An und für sich ist es Sache des Schuldnerlandes selbst, den Weg zu bestimmen, auf dem diese beiden Ziele erreicht werden können. Aber um zu verhindern, dass das Schuldnerland nur Maßnahmen vortäuscht, die gar nicht in der Lage sind, die beiden genannten Ziele zu erreichen, wirken Vertreter der Europäischen Kommission, der Europäischen Notenbank sowie des Internationalen Währungsfonds (die sogenannte Troika) an der Ausarbeitung dieser Pläne mit, um sicherzustellen, dass es sich um realisierbare Pläne handelt.

 

Im Mittelpunkt dieses Planes steht die Reduzierung des Budgetdefizites eines Schuldnerlandes. Ein Budgetdefizit (ein Überschuss der Staatsausgaben über die regulären Steuereinnahmen) kann grundsätzlich auf zweierlei Weise reduziert werden: Entweder dadurch, dass die Staatsausgaben reduziert werden und/oder dass die Steuereinnahmen erhöht werden.

 

Zunächst einige Worte zu den Möglichkeiten, das Budgetdefizit durch Kürzungen der Staatsausgaben zu reduzieren. Grundsätzlich obliegt es der Regierung und eventuell dem Parlament die Höhe der Staatsausgaben festzulegen, somit hat die Regierung nebst Parlament auch grundsätzlich die Möglichkeit, die Staatsausgaben zu kürzen.

 

Schwierigkeiten ergeben sich daraus, dass ein beachtlicher Teil der Staatsausgaben aufgrund von Verträgen, welche allenfalls langfristig gekündigt werden können, kurzfristig gar nicht gekürzt werden können. So liegen die Ausgaben, welche sich aus internationalen Verpflichtungen ergeben, zumeist auf lange Sicht fest, Kündigungen von Beschäftigten können erst nach einer Kündigungsfrist vollzogen werden. In der BRD kann man z. B. davon ausgehen, dass bei den allgemeinen Beratungen des Bundestages über das Gesamtbudget nur einige wenige Prozent überhaupt gekürzt werden könnten.

 

Selbst dann, wenn rechtlich gesehen bestimmte Kürzungen (z. B. der Lohnsätze oder der Renten) auch kurzfristig vorgenommen werden könnten, so muss mit massivem Protest seitens der Betroffenen (also z. B. mit anhaltenden Streiks) gerechnet werden, was zur Folge haben kann, dass die Regierung im Parlament ihre Mehrheit verliert.

 

Man könnte also meinen, dass eine effektive Reduzierung des Budgetdefizites nur über die Einnahmenseite erreicht werden könnte. In Wirklichkeit sind jedoch bei diesen Versuchen die zu erwartenden Schwierigkeiten noch größer. Sieht man nämlich einmal von den erwähnten rechtlichen und politischen Schwierigkeiten ab, so können die Regierung und das Parlament sehr wohl die Höhe der Staatsausgaben festlegen. Die Steuereinnahmen hingegen stellen stets eine Ergebnisgröße dar, welche auf direkte Weise vom Staat gar nicht beschlossen werden kann. Die Steuereinnahmen ergeben sich nämlich aus dem Produkt von Steuersatz und dem Umsatz bzw. dem gesamten Volkseinkommen, je nachdem ob eine Umsatzsteuer oder eine Einkommenssteuer zur Diskussion steht. Sowohl der Gesamtumsatz als auch das Volkseinkommen sind nicht Gegenstand politischer Beschlüsse, sie sind das Resultat millionfacher Einzelentscheidungen der Produzenten und Konsumenten. Der Staat kann in diesem Zusammenhang nur den Steuersatz erhöhen.

 

Leider führt jedoch fast jede Erhöhung der Steuersätze zu einer Reduzierung der Umsätze bzw. des Volkseinkommens. Wir müssen also damit rechnen, dass der partielle Anstieg der Steuereinnahmen verursacht durch eine Erhöhung der Steuersätze zumindest zum Teil dadurch kompensiert, also aufgehoben wird, dass gleichzeitig bedingt durch die Steuererhöhung die Steuereinnahmen partiell zurückgehen.

 

Welches Ergebnis wir für die Steuereinnahmen aufgrund einer Erhöhung der Steuersätze erzielen, hängt nun entscheidend von der Preiselastizität der Nachfrage ab. Wir haben nämlich davon auszugehen, dass Steuererhöhungen für die Unternehmungen stets Kostensteigerungen bedeuten und dass die Unternehmungen bestrebt sind, Kostensteigerungen im Preis weiterzugeben. Da bei einer allgemeinen Steuererhöhung im Prinzip alle Unternehmungen von dieser Kostensteigerung betroffen sind, erfährt ein Unternehmer, welcher die gestiegene Steuerlast auf den Preis abwälzt, auch keine Wettbewerbsnachteile, steht ja auch der Konkurrent vor derselben Situation.

 

Die Preiselastizität der Nachfrage gibt dabei an, um wie viel Prozent die Nachfrage (der Umsatz) zurückgeht, wenn der Preis um ein Prozent ansteigt. Wäre also die Nachfrageelastizität gleich eins, so würden im Endergebnis die Steuereinnahmen gerade konstant bleiben, trotz Anstiegs der Steuersätze. Wäre die Nachfrageelastizität größer eins, würden die Steuereinnahmen aufgrund der Erhöhung der Steuersätze sogar zurückgehen.

 

Da wir uns in diesem Zusammenhang mit der Entwicklung der Steuereinnahmen für die gesamte Volkswirtschaft interessieren, sind hier allerdings weniger die einzelwirtschaftlichen Elastizitäten für die einzelnen Güter, sondern die durchschnittlichen Elastizitäten der Gesamtnachfrage von Bedeutung. In diesem Falle müssen wir auch die Kreislaufzusammenhänge berücksichtigen. In dem Maße, in dem es gelingt (z. B. über Staatsausgabenkürzungen) das Defizit des Staatsbudget zu reduzieren, sinkt die Gesamtnachfrage und das hinwiederum bedeutet, dass auch die Umsätze und die Einkommen entsprechend der Multiplikatortheorie zurückgehen werden. Es dürfte deshalb äußerst schwierig sein, auf diesem Wege (über Ausgabenkürzungen und Steuersatzerhöhungen) allein (!) eine Gesundung der Staatsfinanzen zu erreichen.

 

Es kommt noch hinzu, dass in diesen Plänen zu wenig der internationale Handel berücksichtigt wird. Staaten mit hoher Staatsverschuldung weisen zumeist auch Defizite in der Leistungsbilanz auf. Die hohe Verschuldung des Staates hängt oftmals damit zusammen, dass diese Volkswirtschaften auf den internationalen Märkten nicht mehr wettbewerbsfähig sind, aus diesen Gründen mehr importieren als exportieren, aus diesen Gründen wiederum ein geringeres Volkseinkommen erzielen, das selbst wiederum zu verringerten Steuereinnahmen und auf diese Weise zu einem Defizit im Staatsbudget führt.

 

Wäre die Volkswirtschaft wettbewerbsfähig, so verringerte sich das Leistungsbilanzdefizit, aufgrund der höheren Produktivität könnten sowohl mehr Güter exportiert werden und auch gegenüber den Importen aus dem Ausland könnten sich die inländischen Unternehmungen besser behaupten, die hierdurch erzielte Ausweitung der Produktion würde automatisch zu einer Erhöhung der Steuereinnahmen bei gleichbleibendem Steuersatz und damit letztendlich auch zu einer Reduzierung des Budgetdefizites führen.

 

Versucht man jedoch durch Erhöhung der Steuersätze das Problem der Staatsverschuldung zu lösen, kommt es wie gezeigt zu Preissteigerungen und das wiederum verringert die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber dem Ausland, die Exporte gehen zurück, die Importe steigen, die inländischen Unternehmungen können nicht nur weniger Steuern entrichten, es fehlen ihnen auch die Gewinne, welche unerlässlich sind, um produktivitätssteigernde Investitionen durchzuführen und damit international wettbewerbsfähig zu werden.

 

Nachdem wir gezeigt haben, dass die bisherige Vorgehensweise wohl kaum zu einer schnellen Lösung der Schuldenkrise führen dürfte, wollen wir uns nun die Frage stellen, welche Vorschläge denn von Seiten der Wissenschaft zur Überwindung dieser Krise unterbreitet wurden. Drei Vorschläge sollen etwas näher diskutiert werden. Ein erster Vorschlag sieht vor, dass Griechenland (oder auch anderen Schuldnerländern) das Recht eingeräumt wird, die Mitgliedschaft in der europäischen Währungsunion vorübergehend zu suspendieren, bis sich dieses Land wiederum erholt hat und die Voraussetzungen für eine Mitgliedschaft (vor allem die Stabilitätskriterien) erfüllt. Der Vertrag über die Bildung der europäischen Währungsunion sieht zwar keine Kündigung seitens der Europäischen Gemeinschaft vor, aber sicherlich ist es möglich, dass in gegenseitigem Einverständnis Europas und des jeweiligen Schuldnerlandes eine solche Abmachung erfolgt, zumal es ja auch nur um eine vorläufige, also für eine bestimmte Zeit begrenzte Suspendierung handeln würde.

 

Wenn diese oder ähnliche Vorschläge an die Politiker herangetragen werden, begegnet man in der Regel einem völligen Unverständnis und es wird der Eindruck erweckt, als würde dies unweigerlich zum völligen Ruin der betreffenden Volkswirtschaft führen. Aber solche Gefahren wären nur dann zu erwarten, wenn man beschließen würde, dass in kürzester Zeit eine griechische Währung ausgerufen und dem freien Markt überlassen würde und dann vermutlich der neue Wert dieser Währungseinheit bezogen auf den Euro oder Dollar sich zunächst nahe bei 30 oder 40% einpendeln würde. Aber an ein solches Vorkehren ist auch nicht gedacht.

 

Als in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts innerhalb Europas eine Währungskrise nach der anderen eintrat und Abwertungen einzelner nationaler Währungen in immer kürzeren Fristen notwendig wurden, wurde vor allem von deutscher Seite (Professor Herbert Giersch) der Vorschlag einer kontrollierten Abwertung unterbreitet, bei welcher die Reduzierung der gefährdeten Währung in kleinen, vorher angekündigten Schritten vor sich ginge. Ein solcher Weg wäre auch heute möglich, wobei selbstverständlich die Europäische Notenbank durch Interventionen auf den Devisenmärkten eine solche Politik unterstützen müsste.

 

Eine solche Abwertung brächte dem Schuldnerland eine sofortige Entlastung, da ja nun aufgrund der Abwertung die Ausländer die Waren des Schuldnerlandes billiger als bisher beziehen könnten, ohne dass die eigene Produktivität verbessert und die inländischen Preise verringert worden wären. Die internationale Wettbewerbsfähigkeit des Schuldnerlandes würde automatisch erhöht, aufgrund der Mehrproduktion würde die einheimische Industrie ihre Produktion und damit auch ihre Gewinne vergrößern. Wenn nun die Industrie diese Gewinne dafür einsetzen würde, produktivitätssteigernde Investitionen zu finanzieren, wäre der Erholungskurs nachhaltig eingeleitet. Gleichzeitig würden mit der Zunahme des Umsatzes und der Einkommen auch die Steuereinnahmen erhöht, sodass auch ohne Steuersatzerhöhung das Defizit im Staatsbudget reduziert werden könnte.

 

Natürlich hat eine Abwertung immer auch einen für das Land unangenehmen  Nebeneffekt. Genauso wie die Exportgüter für die Ausländer aufgrund der Abwertung billiger werden, genauso werden aus den gleichen Gründen die Importgüter für die Einheimischen in inländischer Währung gerechnet teurer. Das mag für die betroffene Bevölkerung hart klingen, man sollte jedoch bedenken, dass kein Land in der Lage ist, auf Kosten des Auslandes unbegrenzte Zeit mehr Güter zu importieren als zu exportieren. Es geht also kein Weg daran vorbei, dass die Importmenge reduziert werden muss und dies gelingt eben vor allem dann, wenn die Preise der Importgüter ansteigen.

 

Trotzdem hat auch diese Entwicklung einen positiven Nebeneffekt. Soweit es sich nämlich bei den Importen nicht um Rohstoffe handelt, die gar nicht im Inland gefördert werden können, führt die Erhöhung der Importpreise in inländischer Währung gerechnet automatisch dazu, dass sich die inländische Nachfrage weg von den ausländischen hin zu den inländischen Unternehmungen verlagert. Und diese Veränderung verbessert erneut die Absatzlage der inländischen Industrie und verkürzt den Zeitraum, den die wirtschaftliche Erholung benötigt, um ein weiteres ab.

 

Ein zweiter Vorschlag, der zusätzlich zu der vorübergehenden Suspendierung des Schuldnerlandes gemacht wurde, bezieht sich auf die Aufforderung, dass die europäische Gemeinschaft bereit sein sollte, ein Schuldenmoratorium mitzutragen. Bei einem Moratorium wird das Schuldnerland die vertragsmäßige und fristgerechte Zurückzahlung der Schulden einstellen und anbieten, entweder eine kurzfristige Schuld in eine langfristige Schuld umzuwandeln oder aber nur noch eine Teil der Schuld zurückzuzahlen.

 

Auch dieser Vorschlag wurde in der Öffentlichkeit von den meisten Politikern zunächst vehement zurückgewiesen, als wollte man hier verbrecherische Methoden propagieren. In Wirklichkeit stellt das Instrument des Moratoriums eine in der Vergangenheit wiederholt eingesetzte Maßnahme dar, welche z. B. Deutschland nach der großen Weltwirtschaftskrise in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts, dann Russland in Bezug auf die durch die Sowjetunion eingegangenen Schulden und schließlich eine ganze Reihe der südamerikanischen Staaten in der Nachkriegszeit vollzogen hatten, ohne dass die Weltwirtschaft zusammenbrach und auch ohne dass dieser Schritt diesen Staaten selbst langfristig geschadet habe.

 

Die Durchführung eines Moratoriums kann einmal danach beurteilt werden, wieweit sie gegenüber den Gläubigern als gerechtfertigt angesehen werden kann, zum andern aber auch danach, ob sie ein effizientes Mittel zur Sanierung der Staatsfinanzen darstellt. Bezogen auf den Verteilungsaspekt gehen wir in einer funktionierenden Marktwirtschaft davon aus, dass derjenige, welcher eine riskante Investition vornimmt, zwar das Recht hat, einen dem Risiko entsprechenden Zinsertrag zu erhalten für den Fall, dass diese Investition erfolgreich war, dass dieser Investor aber auch den Schaden voll zu tragen hat, wenn sich herausstellt, dass die Investition nicht erfolgreich war.

 

Als die heute für marode erklärten Staatsanleihen erstmals ausgegeben wurden, erzielten deren Käufer eine außerordentlich hohe Verzinsung, wozu auch die Ratingagenturen beigetragen haben, die heute diese Papiere für Ramsch erklären, damals aber durchaus hochgelobt hatten. Trotzdem war Kennern der Lage vor allem in Griechenland seit langem bekannt, dass die Finanzen des griechischen Staates auch schon damals zerrüttet waren. Die Käufer dieser Papiere haben für das Risiko, das sie freiwillig eingingen, hohe Erträge erzielt und es ist nur billig, dass nun – nachdem es erwiesen ist, dass Griechenland zahlungsunfähig geworden ist – nicht mehr der gesamte geschuldete Betrag zurückgezahlt werden kann.

 

Allerdings ist dieser Vorschlag eines Moratoriums mit einem Wermutstropfen verbunden. Die eben geschilderten positiven Auswirkungen gelten nämlich zunächst für den Fall, dass unmittelbar nach Ausbruch dieser Schuldenkrise der griechische Staat ein Schuldenmoratorium verkündet hätte. Wie bekannt wurde ganz allgemein diese Lösung sowohl von der griechischen Regierung wie auch von der Europäischen Gemeinschaft vehement abgelehnt, da ein Moratorium einer Bankrotterklärung gleichkäme. Wenn heute die Europäische Gemeinschaft einem weitgehenden Schuldenmoratorium zustimmt, dann hat dies zur Folge, dass eben nicht die ehemaligen Gläubiger, sondern die Staatengemeinschaft und damit deren Steuerzahler die Zeche zu zahlen haben.

 

Fragen wir uns nun, wie ein Schuldenmoratorium im Hinblick auf die Effizienz dieser Maßnahme zu beurteilen ist. Es wird oft die Meinung vertreten, dass ein Moratorium das beste Mittel dafür ist, das Vertrauen potenzieller Käufer von Staatsanleihen endgültig zu verspielen: ‚Wer einmal lügt oder ein Versprechen nicht einhält, dem glaubt man nicht, auch dann, wenn er die Wahrheit spricht.‘ Diese Weisheit mag zwar für den persönlichen Verkehr von Menschen untereinander zutreffen, sie gilt jedoch sicherlich nicht für die Frage, ob ein Staat, welcher in der Vergangenheit ein Moratorium seiner Schulden verkündet hat, aus diesem Grunde in Zukunft kreditunwürdig für alle Zeiten sein wird. Die Kreditwürdigkeit eines Staates hängt allein davon ab, ob die Staatsfinanzen sowie die gesamte Volkswirtschaft im Augenblick funktionsfähig sind.

 

Sind diese Voraussetzungen gegeben, dann spielt es eine geringere Rolle, ob in der Vergangenheit Regierungen unfähig waren. Es waren andere Regierungen, die in der Regel abgelöst sind. Für die Kreditwürdigkeit einer zukünftigen Regierung kommt es allein darauf an, ob Staat und Volkswirtschaft im jetzigen Zustand als funktionsfähig betrachtet werden. Wenn gute Aussichten bestehen, dass Kapitalanleger mit Staatsanleihen hohe Zinsen erbringen, werden potenzielle Anleger auf diese Chancen nicht verzichten nur deshalb, weil in der Vergangenheit eine andere Regierung ein wirtschaftliches Desaster verursacht hatte. Gerade das Moratorium kann dazu beitragen, dass die Staatsfinanzen sehr viel schneller gesunden können als dann, wenn der wirtschaftliche Aufschwung immer wieder verzögert werden muss, weil zuvor die Schulden der Vergangenheit abgetragen werden müssen.

 

Wenn sich nun einige Politiker in der Zwischenzeit für dieses Instrument aussprechen, so muss man sich darüber klar sein, dass nun aufgrund dieser Verzögerung die Wirkungen nicht ganz so positiv ausfallen wie dann, wenn man bei Beginn der Krise zu diesem Instrument gegriffen hätte. In der Zwischenzeit ist es nämlich vielen Banken und Besitzern solcher maroder Staatsanleihen gelungen, diese Papiere abzustoßen, zu einem großen Teil gingen besonders gefährdete Banken vorübergehend in Staatshand über mit der Folge, dass nun die Verluste gar nicht mehr bei denjenigen anfallen, welche zuvor durch den Kauf dieser Papiere hohe Zinserträge erwirtschaftet haben, sondern dass der Staat – und das bedeutet letztendlich der Steuerzahler – nun für diese Verluste aufkommen muss. Zum Teil dienen – wie bereits oben erwähnt – diese Anleihen zur Absicherung der Kredite der Notenbank und belasten auf diese Weise wiederum die Allgemeinheit.

 

Zu diesen beiden Vorschlägen (zeitweise Suspendierung der Mitgliedschaft in der Währungsunion und Moratorium) könnte nun drittens die Europäische Gemeinschaft eine Art Marshallplan vorsehen. Marshall war in der unmittelbaren Zeit nach dem zweiten Weltkrieg Außenminister der USA und hatte 1948 eine Entwicklungshilfe in Form eines verlorenen Zuschusses in Höhe von 13 Mrd. Dollar (!) – aufgeteilt auf vier Jahre für einige wichtige europäische Staaten wie Großbritannien, Frankreich, Italien und auch Deutschland – vorgeschlagen. Der heute von der Europäischen Union gebildete Fonds beziffert sich demgegenüber auf 1500 Mrd. Euro.

 

Der besondere Charakter dieser finanziellen Spritze bestand darin, dass diese Geldbeträge nur aus der Sicht des Geberlandes (der USA) ein verlorener Zuschuss darstellte. Die einzelnen Unternehmungen erhielten diese Gelder in Form eines zinsvergünstigten Kredites. Auf diese Weise wurde erreicht, dass die gleiche Geldsumme mehrfach eingesetzt werden konnte, der Kredit war an ein eigens hierfür eingerichtetes Geldinstitut zurückzuzahlen, das dann diese Gelder erneut an Unternehmungen ausgeliehen hat, welche als besonders produktiv eingestuft werden konnten.

 

Obwohl also dieser Kredit aus der Sicht der USA ein verlorener Zuschuss war, der nicht mehr an die USA zurückgezahlt werden musste, kann man trotzdem nicht davon sprechen, dass es sich hierbei allein um eine Hilfe gehandelt hatte, welche die Vereinigten Staaten von Amerika selbstlos gewährt hätten. Die Gewährung der Marshallplanhilfe verfolgte nämlich auf der einen Seite das Ziel, den Export der eigenen nordamerikanischen Waren nach Europa zu fördern. Solange die europäischen Staaten daniederlagen, konnten die USA nicht damit rechnen, ihre eigenen Warenüberschüsse nach Europa zu exportieren. Auf der anderen Seite wollten die USA über diese finanzielle Hilfe verhindern, dass sich insbesondere Deutschland dem Sowjetkommunismus zugewendet hätte und damit im kalten Krieg die Erfolgsaussichten der USA vermindert hätten.

 

Eine solche Art von Entwicklungshilfe an die verschuldeten europäischen Länder könnte nun auch von der Europäischen Gemeinschaft gestartet werden. Auch hier sollte diese Finanzspritze aus der Sicht Europas ein verlorener Zuschuss sein, während die Gelder an besonders produktive Unternehmungen in den Schuldnerländern in Form zinsvergünstigter Kredite gezahlt werden, wobei auch hier wiederum nach Ablauf der Fristen diese Gelder erneut an andere Unternehmungen ausgezahlt werden könnten.

 

Auf diese Weise könnte der Erholungsprozess der Volkswirtschaften in den verschuldeten Staaten verstärkt werden, indem die einzelnen Unternehmungen schneller in die Lage versetzt würden, ihre veralteten und unproduktiven Produktionsanlagen zu erneuern. Diese Gelder sollten deshalb auch nur an Unternehmungen gezahlt werden, von denen nach einer Rentabilitätsprüfung festgestellt wurde, dass diese Hilfen auch für die Erneuerung des Maschinenparks und damit zur Steigerung der Produktivität dieser Unternehmungen eingesetzt würden.

 

Betrachten wir das gemeinsame Wirken dieser drei Vorschläge, so würde der Wiederaufbau dieser Volkswirtschaften damit beginnen, dass die einzelnen Unternehmungen aufgrund des Abwertungseffektes, aber auch der speziellen Entwicklungshilfe so erneuert werden könnten, dass sie im internationalen Handel wettbewerbsfähig würden. In diesem Falle würden die Produktion und die Gewinnsumme und mit ihnen auch die Steuereinnahmen ansteigen, ohne dass die Steuersätze und damit auch die Preise ebenfalls ansteigen würden.

 

Auf diese Weise würde verhindert, dass der wirtschaftliche Aufschwung nicht sofort wiederum aufgrund zusätzlicher Kosten infolge von Steuersatzerhöhungen gebremst würde. Auch der Umstand, dass die bisherigen Schulden wegen des Moratoriums entweder gar nicht mehr oder immerhin nur zum Teil oder erst nach vielen Jahren aufgrund einer Umschuldung zurückgezahlt werden müssten, stünden alle erhaltenen Kredite und auch die eigenen Gewinne der Unternehmungen für einen relativ schnellen Aufbau dieser marode gewordenen Volkswirtschaft zur Verfügung. Entsprechend diesen drei Vorschlägen wäre nicht nur Griechenland, sondern auch der Europäischen Gemeinschaft wirkungsvoller geholfen als dies vermutlich für das heute angewandte Maßnahmenpaket gilt.

 

 

 

Zusammenfassung:

 

01. Die von J. Viner entwickelte Theorie der regionalen Integration versteht sich als Theorie des Zweitbesten. Während die allgemeine Außenhandelstheorie im Sinne einer Theorie des Erstbesten zu dem Ergebnis kommt, dass ein Abbau von protektionistischen Maßnahmen langfristig und aus der Sicht der gesamten Weltwirtschaft stets wohlfahrtssteigernd wirkt, kommt die Viner'sche Theorie zu dem Ergebnis, dass regional begrenzte Integrationen u. U. auch wohlfahrtssteigernd wirken können.

 

02. Von jeder regional begrenzten Integration gehen handelsschaffende (wohlfahrtssteigernde) sowie handelsablenkende (wohlfahrtsmindernde) Effekte aus. Handelsschaffende Effekte liegen dann vor, wenn die Produktion aufgrund der Integration von Regionen mit hohen Stückkosten in Regionen mit geringen Stückkosten verlagert wird, während handelsablenkende Effekte dann vorliegen, wenn die Produktion von Regionen mit geringen Stückkosten zu Regionen mit hohen Stückkosten verlagert wird.

 

03. Viner äußerte die Vermutung, dass bei regionalen Integrationen mit komplementären Volkswirtschaften (z. B. Industrieländer mit Agrarländern) die handelsablenkenden Effekte überwiegen, während Zusammenschlüsse konkurrierender Volkswirtschaften (z. B. die Industriestaaten untereinander) durch ein Übergewicht der handelsschaffenden Effekte ausgezeichnet seien.

 

04. Die Viner'sche Theorie ist zu kritisieren, weil sie sich allein auf statische Wohlfahrtseffekte beschränkt. Es wird außer Acht gelassen, dass bei Freihandel der internationale Wettbewerb und mit ihm die Weltproduktivität ansteigt und dass eine internationale Arbeitsteilung aufgrund eines Übergangs zu Massenproduktionen Skalenerträge auslösen kann.

 

05. Es ist zu vermuten, dass eine Freihandelszone geringere handelsablenkende Effekte hervorruft als eine Zollunion. In der Regel einigt man sich in Zollunionen auf die bisher jeweils höchsten Zollsätze, um sicherzustellen, dass der inländische Bedarf vorwiegend ohne Importe aus Drittländern befriedigt werden kann. Innerhalb einer Freihandelszone liegt es im Interesse der einzelnen Mitgliedsstaaten, bisher niedrige Zollsätze beizubehalten. Allerdings stärkt eine gemeinsame Zollpolitik gegenüber Drittländern die Verhandlungsposition und kann damit eine weltweite Integration u. U. beschleunigen.

 

06. Entsprechend dem Heckscher-Ohlin-Theorem können die der internationalen Faktormobilität zugesprochenen Vorteile (Abbau von internationalen Einkommensunterschieden, Zunahme der Weltwohlfahrt) auch durch eine internationale Mobilität der Güter (Freihandel) erreicht werden. Da die Kosten einer Mobilität von Gütern stets geringer ausfallen als die mit der Mobilität von Arbeitskräften verbundenen Kosten, müsste wohlfahrtspolitisch dem Freihandel der Vorzug gegeben werden.

 

07. Allerdings wies J. Meade daraufhin, dass der Faktormobilität auch bei Freihandel eine wohlfahrtssteigernde Funktion zukomme, da die Annahmen des Heckscher-Ohlin-Theorems (identische, homogen-lineare Produktionsfunktionen, unbegrenzte Substitutionsmöglichkeiten im Inland) in der Realität nicht gegeben sind. J. Meade machte allerdings auch darauf aufmerksam, dass sich nicht jede internationale Faktormobilität wohlfahrtssteigernd auswirkt, da die Faktorpreise (Löhne, Zinsen) nicht immer den Grenzerträgen dieser Faktoren entsprechen.

 

08. Im Rahmen der Harmonisierungskontroverse (vor Schaffung der EWG 1958 und des gemeinsamen Binnenmarktes Anfang der 90 er Jahre) wurde die Frage diskutiert, ob eine Anpassung von Sozialversicherungsbeiträgen und Steuersätzen zeitlich vor einer Integration beschlossen werden müsste oder ob die Integration eine faktische Harmonisierung der Abgaben zur Folge habe.

 

09. Schon Ende der 50 er Jahre kam die Ohlin-Kommission zu dem Ergebnis, dass die Wettbewerbsfähigkeit der einzelnen Länder nur von den gesamten Stückkosten abhängt, dass aber die Unterschiede in den gesamten Lohnnebenkosten sehr viel geringer ausfallen als zunächst vermutet.

 

10. Eine ex-ante-Harmonisierung bringe die Gefahr mit sich, dass eine Angleichung jeweils auf dem höchsten Niveau jeder einzelnen Sozialleistungseinheit erfolgt. Weiterhin führe entsprechend den Theorien von Heckscher-Ohlin eine Integration zwangsweise zu einer Annäherung der Stückkosten und baue damit Wettbewerbsnachteile einzelner Mitglieder nachträglich von selbst  ab.

 

11. Schließlich könne die Beibehaltung nationaler Unterschiede wohlfahrtspolitisch durchaus erwünscht sein, da international unterschiedliche Regelungen lediglich zum Ausdruck bringen, dass die Bürger in den einzelnen Volkswirtschaften den optimalen Kompromiss zwischen den einzelnen sozialen Zielen unterschiedlich bewerten.

 

12. Der Vorteil einer Europäischen Währungsunion liegt im Wegfall der mit dem Umtausch verbundenen Transaktionskosten. Jeder mit der Integration verbundene Wegfall von Kosten wirkt sich jedoch über eine Ausweitung der internationalen Arbeitsteilung im Prinzip  wohlfahrtssteigernd aus.

 

13. Allerdings sollte man diese Vorteile nicht überschätzen. Auf der einen Seite sind die Transaktionskosten der import- und Export betreibenden Unternehmungen relativ gering, auf der anderen Seite entstehen bei einem Übergang auf die neue Währung ebenfalls recht hohe Transaktionskosten.

 

14. Diesen Vorteilen stehen Nachteile gegenüber: Verzicht auf eine autonome Konjunkturpolitik bedeutet, dass nun nicht jede Nation den konjunkturpolitischen Kompromiss schließen kann, der den Wohlfahrtsvorstellungen der Bürger am meisten entspricht.

 

15. Fehler in der Fiskal- und Lohnpolitik können nun nicht mehr durch Ab- und Aufwertungen ausgeglichen werden, es bedarf vielmehr der - zumeist wesentlich höhere Transaktionskosten verursachenden - Mechanismen der Güter- und Faktormobilität, um internationale Ungleichgewichte abzubauen. Da kein Wettbewerb der Währungen besteht, fehlt auch ein starker Anreiz für die Notenbank, den Geldwert stabil zu halten.

 

16. Ob es der europäischen Notenbank gelingt, den Geldwert stabil zu halten, hängt vor allem von der Beantwortung  dreier Fragen ab: Verfügt die Notenbank über ausreichende Instrumente, um eine unerwünschte Ausweitung der Giralgeldmenge zu verhindern? Kann bei einer dezentralen Struktur der Notenbank gesichert werden, dass dem Ziel der Geldwertstabilität stets der Vorrang eingeräumt wird, obwohl die Notenbanken der meisten Mitgliedsstaaten bisher diesen Vorrang der Geldwertstabilität nicht akzeptiert haben? Muss unter Umständen mit der Gefahr gerechnet werden, dass sich die Europäische Notenbank aus Gründen der Währungsstabilität gezwungen sieht, auf den internationalen Devisenmärkten zu intervenieren und dass diese Intervention zu einer Veränderung der umlaufenden Geldmenge führt, die den konjunkturpolitischen Zielen der Notenbank zuwiderläuft ?

 

17. De facto stand die Europäische Notenbank allerdings in der Vergangenheit nicht vor den eben angeführten Schwierigkeiten. Aufgrund der Außenwirtschafts- und Geldpolitik der USA bestand lange Zeit eher die Gefahr, dass die europäische Währung überbewertet und damit die Exportmöglichkeiten der europäischen Staaten verringert wird.

 

18. Längerfristig brachte jedoch die aktuelle Immobilienkrise und die damit verbundene expansive Geldpolitik der USA auch für die europäischen Staaten in zunehmendem Maße die Notwendigkeit, durch Stützungsmaßnahmen einzelner Banken expansive Geldpolitik zu betreiben, die sich wiederum in einer steigenden Inflationsrate auswirken könnte.  

 

19. Der Versuch, überschuldeten Ländern einmalige Finanzhilfen zu gewähren, wenn sie von sich aus bereit sind, durch Erhöhung der Steuersätze sowie Kürzung der Staatsausgaben ihr Budgetdefizit baldmöglichst abzubauen, ist wenig erfolgreich.

 

20. Ein besserer Weg aus dieser Krise hätte darin bestanden, a) ein sofortiges Schuldenmoratorium zuzulassen, b) eine vorübergehende Suspendierung der Mitgliedschaft in der Eurozone vorzusehen, welche eine Abwertung der griechischen Währung möglich gemacht hätte und c) den Schuldnerländern in Form einer Art Marshallplan nicht zurückzahlbare Finanzhilfen zu gewähren.

 

 

Fragen zu Kapitel 11 Teil II

 

01. Wann spricht man von handelsschaffenden Effekten?

 

02. Wann spricht man von handelsablenkenden Effekten?

 

03. Inwiefern folgt die Theorie von Viner  dem Ansatz der zweitbesten Lösung?

 

04. Was versteht man unter komplementären Volkswirtschaften?

 

05. Was versteht man unter konkurrierenden Volkswirtschaften?

 

06. Überwiegen handelsschaffende Effekte bei Handel mit konkurrierenden oder mit komplementären Volkswirtschaften?

 

07. Führt der Handel zwischen Industrienationen und Agrarwirtschaften – legt man die Theorie der komparativen Kosten zugrunde – zu Wohlfahrtssteigerungen oder Wohlfahrtsminderungen?

 

08. Wird diese klassische Position von der Viner‘schen Theorie unterstützt?

 

09.  Was ist mit der Kritik gemeint, die Viner‘sche Theorie sei zu statisch?

 

10. Um welche Frage ging es im Rahmen der Harmonisierungsdebatte?

 

11. Worin liegen die wichtigsten Wohlfahrtssteigerungen einer Währungsunion?

 

12. Welche traditionellen Wege eines Abbaus von Devisenbilanzdefiziten entfallen im Rahmen einer Währungsunion?

 

 

Antworten zu Kapitel 11 Teil II:

 

01. Handelsschaffende Effekte liegen immer dann vor, wenn aufgrund der Integration die Produktion in die Gebiete verlagert wird, welche die geringsten Stückkosten aufweisen.

 

02. Handelsablenkende Effekte liegen immer dann vor, wenn eine Integration dazu führt, dass die Produktion von Gütern in Gebiete verlagert wird, in denen die Stückkosten höher liegen als bei der bisherigen Produktion.

 

03. Nach der Theorie der komparativen Kosten führt jeder Abbau von Handelshemmnissen zu Wohlfahrtsgewinnen. Ein Maximum an Wohlfahrt wird erst bei einer weltweiten Integration erreicht, während entsprechend der Viner‘schen Theorie auch die Beschränkung auf regionale Integrationen wohlfahrtsoptimal sein kann.

 

04. Komplementäre Volkswirtschaften zeichnen sich dadurch aus, dass sich – wie beim Handel zwischen Agrar- und Industriewirtschaften - die ausgetauschten Waren unterscheiden.

 

05. Konkurrierende Volkswirtschaften zeichnen sich dadurch aus, dass gleichartige Güter, wie z. B. Kraftwagen international ausgetauscht werden, wobei sich die einzelnen Güter nur in ihren qualitativen Merkmalen unterscheiden.

 

06. Entsprechend der Viner‘schen Theorie überwiegen bei konkurrierenden  Volkswirtschaften die handelsschaffenden Effekte.

 

07. Entsprechend der Theorie der komparativen Kosten führt ein Handel zwischen Agrar- und Industrienationen zu Wohlfahrtssteigerungen, da die Stückkostenunterschiede um so größer sind, je weiter sich die Handel treibenden Volkswirtschaften im Entwicklungsstand unterscheiden.

 

08. Die Viner‘sche Theorie kommt zu entgegengesetzten Ergebnissen. Bei einem Handel zwischen Agrar- und Industriewirtschaften überwiegen danach die handelsablenkenden Effekte.

 

09. Die Viner‘sche Theorie wird als statisch bezeichnet, da sie nicht berücksichtigt, dass eine Integration in erster Linie dadurch wohlfahrtssteigernd wirkt, dass technische Erneuerungen von einer Integration ausgelöst werden.

 

10. Im Rahmen der Harmonisierungsdebatte ging es um die Frage, ob ein Ausgleich der Preise und Kosten zeitlich vor einer Integration herbeigeführt werden müsse, oder ob sich der Ausgleich ex post von selbst einstellt.

 

11. Die wohl wichtigsten Wohlfahrtssteigerungen einer Währungsunion liegen darin, dass bei Handel zwischen den einzelnen Mitgliedsländern  kein Umtausch nationaler  Währungen mehr notwendig ist.

 

12. Ohne eine Währungsunion können Länder, deren Devisenbilanz defizitär wird, durch Abwertung ihrer eigenen Währung einen Ausgleich der Devisenbilanz erreichen. Diese Möglichkeit entfällt innerhalb einer Währungsunion. Übersteigen die Importe eines Mitgliedsland einer Währungsunion die Exporte, so kann dieses Defizit nur dadurch abgebaut werden, dass die Stückkosten verringert werden und dies gelingt nur dadurch, dass entweder die Nominallöhne gesenkt werden oder dass es erreicht wird, dass die Produktivität steigt.